Charlett Wenig

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Vor der Ajou University

"Dank der Förderung durch die DAAD-Stiftung hatte ich die Möglichkeit, einen Forschungsaufenthalt an der Ajou University in Suwon, Südkorea, durchzuführen. Der Aufenthalt war für mich sowohl wissenschaftlich als auch persönlich sehr bereichernd. Neben der Arbeit an meinem Forschungsvorhaben konnte ich neue akademische Kontakte knüpfen, Einblicke in universitäre Arbeitsweisen in Südkorea gewinnen und meinen eigenen Forschungsansatz in einem internationalen Kontext weiterentwickeln."

Mit Unterstützung des KSB Stiftung Stipendiums der DAAD-Stiftung verbrachte Dr. Charlett Wenig mehrere Monate an der Ajou University in Suwon. Über ihre eigentliche Forschungsarbeit hinaus, bei der sie wichtige Grundlagen für die Weiterentwicklung biobasierter Materialsysteme bildete, waren es vor allem die Herzlichkeit und kleinen Alltagsgesten der Menschen, denen sie begegnete, die ihre Erfahrung prägten. Zugleich eröffneten ihr der enge Austausch und die Zusammenarbeit neue methodische Perspektiven und ein vertieftes Verständnis des akademischen Lebens in Südkorea.

Im Zentrum meines Forschungsaufenthalts stand die Untersuchung von biologischen Kurzfasersystemen und deren Potenzial für skalierbare Materialsysteme. Ausgangs-punkt war die Frage, wie heterogene, kurze und schwer kontrollierbare Fasern nicht als Abfallstoff, sondern als Ausgangsmaterial für neue, adaptive und architektonisch relevante Materialsysteme genutzt werden können.

Derzeit bin ich als Materialforscherin und Designerin am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) tätig, wo ich im Bereich der Grundlagenforschung zu Biomaterialien arbeite. Prof. Kwon und ich kennen uns bereits aus seiner Zeit am MPI, hatten jedoch bislang keine Gelegenheit, gemeinsam zu forschen. Mit seinem Wechsel an die Ajou University, welche eine anwendungsorientierte Ingenieurs-hochschule ist, eröffnete sich nun die Möglichkeit, unsere jeweiligen Expertisen gezielt zu verbinden.

Im Fokus unserer Zusammenarbeit stand die Frage, wie lokal verfügbare, keratin-basierte Fasern, die andernfalls häufig als Abfallprodukt anfallen und entsorgt werden, als Ausgangsmaterial für skalierbare Materialsysteme nutzbar gemacht werden können. Uns ging es dabei um einen Ansatz, der prinzipiell übertragbar ist: lokal verfügbares tierisches Rohmaterial aufzugreifen und in größere, global relevante Kreislaufführungen einzubetten.

Wenig erste Bakterienstests

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Erste Bakterienkultivierungen

Dafür wurden textile Verarbeitungstechniken mit biobasiertem Materialengineering verbunden. Einerseits wurden die Fasern mechanisch vorstrukturiert, verdichtet und durch ein von mir entwickelte Coiling-Maschine zu zusammenhängenden Halbzeugen verarbeitet. Andererseits wurden erste Versuche zur Mineralisierung durchgeführt, insbesondere mithilfe von Microbially Induced Calcite Precipitation, kurz MICP.

Während des Aufenthalts zeigte sich, dass Prozessparameter wie Wickelspannung, Faserdichte, Wickelwinkel und Kompressionskraft einen deutlichen Einfluss auf Stabilität, Dichteverteilung und Geometrie der entstehenden Strukturen haben. Die ersten Calcifizierungsversuche deuten zudem darauf hin, dass die genutzten Fasern Potenzial für die mineralische Anlagerungen besitzen. Die Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen, bilden aber eine wichtige Grundlage für die Weiterentwicklung biobasierter Materialsysteme.

Die Anwendungsmöglichkeiten dieser biologischen Komposite eröffnen Perspektiven für nachhaltige Fassadenstrukturen und architektonische Oberflächen. Da sowohl die architekturnahe Materialforschung als auch die Mikrobiologie hochdynamische Felder sind, ist es durchaus denkbar, dass solche bio-mineralischen Ansätze langfristig das Bild unserer aller gebauten Umwelt mitprägen können.

Wenig Wickelparameter

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Wickelparameter

Für meine weitere Forschung nehme ich mehrere wichtige Ergebnisse mit. Die in Korea erarbeiteten Verfahren fließen bereits in meine Gastprofessur an der Bauhaus-Universität Weimar im Fachbereich Produktdesign ein. Auf Grundlage der dort entwickelten Ansätze gestalte ich einen Kurs, in dem Studierende mit textilen Strukturen arbeiten und untersuchen, welche Anwendungsszenarien durch bakterielle Prozesse und mineralisierende Verfahren entstehen können.

Darüber hinaus wird die Kooperation mit der Ajou University fortgeführt. In wöchent-lichen Online-Meetings planen wir die nächsten Schritte, darunter weitere Material-charakterisierungen, mechanische Tests und eine gemeinsame Publikation.

Die Arbeit an der Ajou University war geprägt von einer offenen, konzentrierten und zugleich herzlichen Atmosphäre. Obwohl Südkorea international sehr aktiv und vernetzt ist, zeigte sich die Ajou University, die etwa eine Stunde von Seoul entfernt liegt in ihrer Zusammensetzung als überwiegend nationale Hochschule. Internationale Studierende waren kaum vertreten, und als Ingenieurhochschule wies die Universität zudem einen sehr geringen Frauenanteil auf. Dies war ein deutlicher Kontrast zu meinem Alltag an deutschen Forschungseinrichtungen.

Wenig Seoul

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Seoul

Besonders bereichernd war der intensive Austausch mit den Studierenden und Forschenden vor Ort. In wöchentlichen Treffen stellten wir uns gegenseitig unsere Arbeitsstände vor, wodurch viele angeregte Diskussionen entstanden. Obwohl Englisch die offizielle Arbeitssprache war, stellte ich bald fest, dass die soliden Englisch-kenntnisse der Mitglieder meiner Forschungsgruppe eine Ausnahme darstellten.

Im allgemeinen Universitätsalltag wurde Englisch kaum verwendet, was angesichts der enormen linguistischen Distanz zwischen Deutsch und Koreanisch kaum verwundert. Da ich selbst während meines Aufenthalts über einige grundlegende Ausdrücke wie Dankeschön und Guten Tag nicht hinausgekommen bin, kann ich gut nachvollziehen, wie schwer es ist, eine so fremde Sprache wie Englisch zu erlernen.

Auch außerhalb der formellen Besprechungen gab es einen kontinuierlichen fachlichen und persönlichen Austausch häufig beim gemeinsamen Mittagessen oder, wenn die Arbeitstage länger wurden, auch beim Abendessen.

Sehr eindrücklich war für mich die hohe Präsenz an der Universität und im Labor. Viele Studierende arbeiteten mit großer Ernsthaftigkeit und Ausdauer an ihren Projekten. Gleichzeitig habe ich das Miteinander als sehr fürsorglich erlebt. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Situation aus meiner ersten Woche: Ein Student brachte mir einen Regenschirm mit, weil er gelesen hatte, dass Europäer:innen im Alltag oft keinen Regenschirm dabeihaben. Zunächst wollte ich höflich ablehnen, aber er bestand darauf, dass ich ihn mitnehme. Wenige Stunden später regnete es in Strömen. Diese kleine Geste steht für mich sinnbildlich für die Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft, die ich in Korea immer wieder erfahren habe.

Wenig umbrella

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Ein willkommener Regenschirm

Südkorea habe ich als ein außerordentlich spannendes, modernes und dynamisches Land erlebt. Viele Abläufe wirken schnell, effizient und technologisch fortgeschritten. Gleichzeitig habe ich viele Menschen als sehr aufmerksam, einfühlsam und bedacht wahrgenommen. Als Deutsche war der Alltag sprachlich teilweise herausfordernd. Zwar lernen Koreaner:innen in der Schule Englisch, dennoch hatte ich den Eindruck, dass es im Alltag häufig eine gewisse Zurückhaltung gibt, Englisch zu verwenden. Gleichzeitig haben sich viele Menschen große Mühe gegeben, Kommunikation dennoch möglich zu machen.

Ein deutlicher Unterschied zu meinem Alltag in Deutschland war der hohe Arbeits- und Leistungsdruck. Es wird erwartet, dass alle ihr Bestes geben, lange arbeiten und sehr präsent sind. Dieser Druck war für mich teilweise herausfordernd und auch erdrückend. Gleichzeitig habe ich viel Elan und Motivation aus dieser Arbeitskultur mitgenommen aber auch eine neue Dankbarkeit dafür, welche Arbeits- und Lebensbedingungen wir in Deutschland in vielen Bereichen haben.

Der Aufenthalt wird meine akademische Laufbahn nachhaltig beeinflussen. Zum einen konnte ich mein Forschungsvorhaben fachlich weiterentwickeln und direkt in Lehre und Forschung übertragen. Zum anderen sind neue Ideen für weitere Kooperationen entstanden. Besonders wertvoll ist für mich, dass ich durch den Aufenthalt auch ein besseres Verständnis für Studierende entwickeln konnte, die aus dem asiatischen Kulturraum nach Deutschland kommen. Ich kann mich nun besser in ihre Situation hineinversetzen, insbesondere in Bezug auf Sprachbarriere, kulturelle Codes und unterschiedliche akademische Arbeitsweisen.

Wenig Dongdaemun

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Dongdaemun Design Plaza

Während meiner Zeit in Südkorea konnte ich sowohl akademische als auch persönliche Kontakte knüpfen, die meine Zeit vor Ort voraussichtlich deutlich überdauern werden. Mit meinem Kooperationspartner an der Ajou University und den beteiligten Studierenden stehe ich weiterhin in regelmäßigem Austausch. Auch außerhalb der Universität konnte ich Kontakte zur gestalterischen und kulturellen Szene aufbauen. Besonders prägend war der Austausch mit einem Medienkünstler, mit dem ich über mögliche Zusammenarbeiten im Bereich Wissenschaftskommunikation gesprochen habe.

Kulturell hat mich Südkorea vor allem durch das Zusammenspiel aus Geschwindigkeit, Leistungsbereitschaft und Herzlichkeit beeindruckt. Das Land wirkt sehr schnell und experimentierfreudig; es wird viel gearbeitet, viel ausprobiert und mit großer Ernsthaftigkeit an Projekten gearbeitet. Gleichzeitig habe ich eine starke Neugierde, Hilfsbereitschaft und ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl füreinander erlebt. Besonders das gemeinsame Arbeiten und das „an einem Strang ziehen“ haben mich beeindruckt. Diese Erfahrung möchte ich stärker in meine eigene Forschung, Lehre und gestalterisch-künstlerische Praxis integrieren.

Ich habe während meines Aufenthalts in einem kleinen möblierten Apartment in Seoul gewohnt und bin, wie die meisten Berufstätigen dort täglich zur Universität gependelt. Das Leben in Seoul ist in vielerlei Hinsicht anonym, was ich zunächst als Kontrast zu meinem Alltag in Deutschland empfand. Umso wertvoller war es, dass ich über mein wissenschaftliches und gestalterisches Netzwerk schnell Anschluss fand und gut integriert wurde.

Ein zentrales Element des sozialen Lebens in Korea ist das gemeinsame Essen und Trinken. Dank meiner Bekanntschaften im Bereich Design und Kunst hatte ich darüber hinaus die Möglichkeit, zahlreiche Ausstellungen und kulturelle Veranstaltungen zu besuchen, was mir wertvolle Einblicke in die Kunst- und Designszene des Landes gab.

Wenig Busan

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Strandpromenade in Busan

Architektonisch und städtebaulich hat mich Seoul tief beeindruckt. Ich wohnte in Gangnam, dem modernen Geschäftszentrum der Stadt, was einen besonders markanten Kontrast zu Vierteln wie Bukchon bildete, die mitten in der Metropole eine ganz eigene Atmosphäre bewahren. An den Wochenenden unternahm ich Ausflüge durch das Land und konnte beeindruckende Orte wie Andong, Busan und Jeju Island besuchen, die mir ein vielschichtiges Bild Südkoreas vermittelten.

Ich bin der DAAD-Stiftung und der KSB Stiftung sehr dankbar, dass sie mir diesen Forschungsaufenthalt ermöglicht haben!

Die Zeit an der Ajou University hat meine Forschung fachlich bereichert, meine akademischen Perspektiven erweitert und mir wichtige persönliche sowie kulturelle Erfahrungen ermöglicht.

Vielen Dank dafür!

Stand: Mai 2026.