Gala Nettelbladt
Privat
Wasserpegel eines Gewässers im Zentrum von Cambridge
"Akademisch hat der Aufenthalt an der University of Cambridge mein Postdoc-Projekt maßgeblich vorangebracht, da ich vor Ort qualitative Daten zur Wasserknappheit in Ostengland erheben konnte, Ruhe und Zeit zum Ideen entwickeln hatte, und mein Forschungsprofil im Bereich Wasser weiter schärfen konnte.
Persönlich war die Zeit in Cambridge eine bereichernde Erfahrung, die mir neue Impulse, inspirierende Begegnungen und einen intensiven Einblick in Stadt und Forschungskontext zugleich ermöglichte."
Die Forschung zur aktuellen Wasserknappheit konzentriert sich meist auf technische Lösungen oder die politische Ökologie des Problems. Über die Verhandlungen und Debatten lokaler Akteure zu Strategien für den Umgang mit Wassermangel ist jedoch wenig bekannt. Dr. Gala Nettelbladt untersuchte dieses Thema mit einem politik-soziologischen Ansatz. Mit Unterstützung des KSB Stiftung Stipendiums der DAAD-Stiftung konnte sie ihre wissenschaftlichen Studien an der Universität und in der Stadt Cambridge durchführen. Den Austausch mit ihren Kolleginnen fand sie sowohl auf dem Campus als auch beim einen oder anderen Pint nach der Arbeit ausgesprochen inspirierend.
Forschungsvorhaben
Das KSB Stiftung Stipendium ermöglichte mir einen dreimonatigen Aufenthalt an der University of Cambridge, den ich in zwei Abschnitten (Februar – März und September) 2025 absolvierte. Aktuell bin ich Postdoktorandin am Institut für Europäische Urbanistik der Bauhaus Universität-Weimar und forsche dort zu stadtplanerischen Aushandlungs-prozessen um Wasser. Der Aufenthalt in Cambridge war Teil meines PostDoc-Projekts ‚The Contentious Urban Politics of Planning for Water Scarcity‘.
Dieses Projekt ist vergleichend zwischen England und Deutschland angelegt und zielt darauf ab, die Konflikte um, und politischen und planerischen Herausforderungen von, Wasserknappheit in Städten zu analysieren. Hierbei interessieren mich insbesondere Regionen, in denen das Wasser klimawandelbedingt knapper wird – die Knappheit und die Vorbereitung darauf also ein relativ neues Phänomen darstellt.
Mit einem interdisziplinären Ansatz, der Perspektiven aus der Stadtplanung, Soziologie und Urbanen Politischen Ökologie vereint, untersuche ich Governance-Modelle und Konfliktdynamiken in Bezug auf das knapper werdende Gemeingut Wasser.

Privat
Der Fluss Cam
Im Kern diente der Auslandsaufenthalt der Erhebung von qualitativen Daten für meine englische Fallstudie, die Stadt Cambridge selbst, als auch der Vernetzung mit Kolleg:innen vor Ort. In Cambridge ist Wasser knapp, weil die Region zu den trockensten Gebieten im Vereinigten Königreich gehört und der Wasserverbrauch durch neue Industrieansiedlungen stetig steigt.
Hinzu kommen längere Trockenperioden infolge des Klimawandels, die Grundwasser-reserven schrumpfen lassen, welche bisher die wichtigste Trinkwasserquelle der Stadt bilden. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht zwischen der verfügbaren Wassermenge und der ‚durstigen Stadt‘. Denn die Stadt erlebt derzeit ein großes wirtschaftliches Wachstum, das stark von der Expansion wissensintensiver Branchen geprägt ist; die Stadt und ihre Umgebung – bekannt als ‚Silicon Fen‘ – sollen eines der weltweit führenden Cluster für Forschung, Technologie und Innovation werden.

Privat
Bootanlegestelle
In einer Zeit, in der Wasserknappheit durch die Klimakrise ein immer drängenderes Thema in vielen Städten wird, interessieren mich nicht nur die technischen und naturwissenschaftlichen Lösungsansätze, die vor Ort entwickelt werden, um dem Problem zu entgegnen. Mein Forschungsprojekt richtet den Blick vielmehr auf die sozialen Dimensionen der Wasserversorgung und die Aushandlungsprozesse, die damit verbunden sind. Es fragt, welche Spannungen zwischen ökologischen Zielen und sozialer Gerechtigkeit entstehen, wie Knappheit sozial konstruiert wird und warum manche Gruppen in diesem Prozess profitieren, während andere leer ausgehen.
Diesen Fragen nachgehend, war es eine besondere Erfahrung, in Cambridge nicht nur an der Universität zu forschen, sondern die Stadt selbst zum Gegenstand meiner Arbeit zu machen und dabei mit vielen lokalen Akteur:innen in Kontakt zu treten. Im Unterschied zu vielen Forschenden, die ausschließlich über institutionelle Kooperationen mit der Universität verbunden sind, konzentrierte sich meine Arbeit auf die Stadt Cambridge selbst und umfasste einen engen Austausch mit lokalen Akteur:innen jenseits der Universität.

Privat
Hoher Pegelstand
Nachdem ich mir im ersten Monat anhand von Dokumentenanalyse einen Überblick über die Akteure und Institutionen vor Ort verschaffte, führe ich im Anschluss Expert:inneninterviews mit Vertreter:innen aus Zivilgesellschaft, Wasserwirtschaft und Verwaltung – diese beinhalteten beispielsweise Gespräche mit den Vorsitzenden eines Umweltvereins, der sich für weniger Wachstum in der Stadt einsetzt und der Leiterin des lokalen Wasserwirtschaftunternehmens.
Zusätzlich führte ich teilnehmende Beobachtungen durch, beispielsweise bei einem Nachbarschaftsfest, welches das Thema Wasser aufgriff. Dabei wurde deutlich, dass die Wasserknappheit bei weitem nicht nur ein physisches Phänomen ist, sondern ganz wesentlich auch ein gesellschaftspolitischer Prozess, in dem die Zukunft der Stadt verhandelt wird - beispielsweise bei der Frage, wieviel Neubau angesichts der begrenzten Verfügbarkeit von Grundwasser zugelassen werden kann.
Internationale Erlebnisse, Ergebnisse und neue akademische Kontakte
Die Arbeit vor Ort in Cambridge bot mir nicht nur Zugang zu einer Vielzahl an akademischen Ressourcen, sondern auch die Möglichkeit, die Frage von Wasser-konflikten in internationale Perspektiven einzubetten. In meiner Forschung interessieren mich insbesondere jene Orte, an denen Wassermangel ein noch eher junges Phänomen ist. Durch das KSB Stiftung Stipendium konnte ich so maßgebliche Einblicke in die städtischen Politiken und Planungsprozesse im Umgang mit Wasserknappheit in Cambridge gewinnen.
Die Forschung ergab, dass die vielschichtigen Kooperationen zwischen kommunalen Entscheidungsträger:innen, privaten Akteur:innen und der Zivilgesellschaft insbe-sondere vor der Herausforderung stehen, dass wachstumsorientierte Stadt-entwicklungspolitiken nicht mit dem Wasserdargebot der Region zu vereinen ist und verschiedene Planungsmaßstabsebenen (Stadt, Region, Land) miteinander verbunden werden müssen, um Wasser als „transboundary object“ zu regieren. So werden aktuell Pläne diskutiert, die Stadt über eine Entsalzungsanlage an der Küste mit Wasser zu versorgen.

Privat
St. Philips Road
Doch etwaige Planungsentscheidungen dazu stehen noch aus. Ein besonderer Schwerpunkt meiner Zeit in Cambridge war die Zusammenarbeit mit Professorin Claire Colomb, einer renommierten Expertin für urbane und regionale Planung. Ihre Expertise in der vergleichenden Analyse urbaner Governance-Systeme und kritischer Stadtforschung eröffnete mir neue Perspektiven aus der Governanceforschung und Zugänge zum Feld.
Gemeinsam entwickelten wir eine Publikation, in der wir dafür plädieren, die Wasserfach- und Infrastrukturplanung stärker mit der räumlichen Gesamtplanung zu verzahnen. Der Artikel befindet sich aktuell in Begutachtung bei der renommierten Fachzeitschrift Planning Theory & Practice. Ihre fachlichen Ratschläge und die Diskussionen während unserer Treffen waren von unschätzbarem Wert und werden die Richtung meiner künftigen Forschung maßgeblich beeinflussen.
Arbeits- und Lebensweise in England, Einfluss auf die akademische Laufbahn, nächste Schritte
Mein Aufenthalt an der University of Cambridge war von einer offenen, flexiblen und internationalen Arbeitskultur geprägt. Ich weiß die dortige weniger formalisierte, aber sehr effektive Arbeitsweise sehr zu schätzen. Die Begegnungen mit Kolleg:innen am Department of Land Economy waren sehr interessant. Ob im Department oder in einem der vielen gemütlichen Pubs über einem Pint – der Austausch mit den Kolleg:innen war sehr inspirierend.
Dennoch muss ich freudig gestehen, dass ich die meisten Tage – wenn ich nicht gerade für die Feldforschung unterwegs war – in der University Library, der zentralen Bibliothek, verbrachte. Fernab vom Alltagstrubel meines deutschen Unialltags bot sie mir eine lang ersehnte, ruhige Arbeitsatmosphäre zum Lesen und Schreiben. Dort fand ich die nötige Konzentration, neue Ideen und Fragestellungen zu entwickeln.

Privat
Ausflug in die Moorlandschaft The Fens
Denn fachlich war das Stipendium die zentrale Vorbereitung für meinen geplanten Antrag für eine Nachwuchsgruppe, den ich voraussichtlich bei der DFG einreichen werde. Die Zusammenarbeit mit Professorin Claire Colomb eröffnete mir wertvolle Kontakte zu weiteren Kooperationspartner:innen, die in den Antrag einfließen werden.
Somit war der Aufenthalt eine wichtige Weiche für meine zukünftige akademische Laufbahn – ich freue mich, in Rahmen der Antragsvorbereitung bald wieder in Cambridge zu sein!
Stand: November 2025.

