Paul Feller Gumucio
Privat
Am Main in Frankfurt
„Ich bin dankbar, dass durch die großzügige Unterstützung von Dr. Michael Aven ermöglichte Respekt & Wertschätzung Stipendium der DAAD-Stiftung erhalten zu haben. Mein zweimonatiger Forschungsaufenthalt in Deutschland, den ich größtenteils an der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel und an der Friedrich-Schiller-Universität Jena verbracht habe, war von wertvollen akademischen, interkulturellen und persönlichen Erfahrungen geprägt.“
In Chile geboren, absolvierte Paul Feller Gumucio dort zunächst ein Grundstudium in Musikwissenschaft. Seine Absicht, einige Zeit in Deutschland zu forschen, entstand während seines Masterstudiums an der Northwestern University in Evanston, USA, wo er sich zunehmend auf das Thema Mittelalter und die Judaistik fokussierte.
Während seines durch das Respekt & Wertschätzung Stipendium der DAAD-Stiftung geförderten Aufenthalts verfolgte er einen neuen Ansatz, bei dem er die Musik-wissenschaft mit Elementen der jüdisch-christlichen Studien verband. Für sein Projekt forschte er nicht nur in Jena, sondern auch in Wolfenbüttel und Frankfurt. In seiner Freizeit lernte er die kulinarische und kulturelle Vielfalt Deutschlands zu schätzen.
Dank der Unterstützung durch die DAAD-Stiftung konnte ich zu jüdischem Musikleben und kulturübergreifendem Austausch im Heiligen Römischen Reich (ca. 1650–1750) forschen und gleichzeitig die Forschungstradition und den Alltag in Deutschland besser kennenlernen.
Ich habe mich während meines Aufenthalts auf bibliografische und Archivforschung zu jüdischer und christlicher Begegnung mit der Musik in der frühen Neuzeit konzentriert. Meine Heimatuniversität war zu der Zeit die Northwestern University in den Vereinigten Staaten, an der ich im Rahmen meiner Promotion geforscht habe. Deutschland und insbesondere Jena waren aufgrund der zentralen Rolle in der frühneuzeitlichen jüdischen und Geistesgeschichte sowie der starken wissenschaftlichen Vernetzung in den Bereichen Judaistik und historische Musikwissenschaft eine offensichtliche Wahl für meinen Forschungsaufenthalt.

Privat
Am Institut für Stadtgeschichte und im Jüdischen Museum
Im Vorfeld stand ich bereits mit Dr. Michael Klaper aus Jena und der Kulturhistorikerin Dr. Rebekka Voß aus Frankfurt in Kontakt, die mich beide gut beraten und mir wertvolle Hinweise zur Archivforschung in Deutschland gegeben haben. Während meines Aufenthalts konnte ich in Wolfenbüttel seltene Ausgaben aus dem christlichen Hebraismus, z.B. von Johann Jacob Schudt, einsehen und die enthaltenen Darstellungen jüdischer ritueller und liturgischer Musik im Zusammenhang mit den weitreichenden Debatten zu Toleranz, Andersartigkeit und gesellschaftlicher Ordnung analysieren.
Außerdem habe ich an einem Forschungsseminar an der Herzog August Bibliothek teilgenommen, bei dem ich meine ersten Ergebnisse präsentieren und zudem mithilfe des Feedbacks von Kolleg*innen meine Vorgehensweise noch weiter verfeinern konnte. Ich habe auch das Institut für Stadtgeschichte Frankfurt besucht, wo ich Archiv-materialien aus dem siebzehnten Jahrhundert untersuchen konnte, in denen das jüdische Gemeinschaftsleben in der Judengasse dokumentiert ist.
Zu meinen bemerkenswertesten Entdeckungen zählten Aufzeichnungen aus den 1670er bis 1690er Jahren, in denen Konflikte bei Hochzeitsfeiern beschrieben sind, darunter Vorfälle hinsichtlich durch Klänge verursachter Störungen und Streitigkeiten unter Juden aufgrund von aus dem Ruder gelaufenen Tanzveranstaltungen. Diese Quellen werfen ein neues Licht auf Fragen zu rituellen Gepflogenheiten, gesell-schaftlicher Hierarchie und der Kulturpolitik in Hinblick auf Klänge in jüdischen Gemeinschaften der frühen Neuzeit.

Juergen Sack iStock.
Blick auf die Wolkenkratzer in Frankfurt
Meine Entdeckungen haben nicht maßgenau in einen bestimmten Abschnitt meiner Dissertation gepasst, sondern kamen an vielen Stellen zum Einsatz. Insbesondere in den Kapiteln 1 und 2 haben sie mir dabei geholfen, allgemeinere Fragen zu Klang, Konflikten und kulturellen Verhandlungen im jüdischen Leben zu formulieren. Aus den Archivmaterialien geht jedoch eindeutig hervor, dass einige dieser Erkenntnisse genauer behandelt werden sollten, als dies in einem Kapitel einer Doktorarbeit möglich ist. Ich plane daher auf Basis dieser Nachforschungen zwei Artikel zu schreiben, von denen der eine sich auf die Darstellung jüdischer Klanglandschaften in christlichen Texten und der andere auf Konflikte zu Störungen durch Klänge innerhalb der jüdischen Gemeinschaft in Frankfurt im späten siebzehnten Jahrhundert konzentrieren soll.
Bei letzterem Thema geht es um eine langwierige Rivalität zwischen zwei prominenten Familien, die unter rechtlichem Schutz standen und in der Judengasse gelebt haben. Dieser konkrete Konflikt war von Klängen und Spektakel geprägt: im Rahmen von Hochzeitsfeiern haben die Mitglieder der einen Familie sich nachts maskiert und Tänze aufgeführt, um ihre Rivalen zu verspotten und sind dabei mit Musik, Fackeln, Pferden und sogar mit gezogenen Schwertern durch die Gasse gezogen. Was wie übermütiges Feiern anmuten mag, wurde zu einem Rechtsstreit zwischen den Rivalen, bei dem es auch zu öffentlichen Erniedrigungen, Einschüchterung und Behauptungen über physische Gewalt kam.
Die kurze Zeit, die ich an der Friedrich-Schiller-Universität Jena verbracht habe, habe ich als persönlich bereichernd empfunden. Obwohl ich mitten im Sommer dort war, wurde ich herzlich ins Forschungsumfeld aufgenommen. Meine Unterhaltungen mit den Mitgliedern der Fachbereiche Judaistik und Musikwissenschaften haben mir geholfen, den konzeptuellen Rahmen für meine Studien über akustische Kulturen der frühen Neuzeit zu präzisieren. .

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Marienkirche in Wolfenbüttel
Insbesondere meine Gespräche mit Dr. Michael Klaper, der in seiner Forschung zu musikalischer Wanderschaft die Mobilität von Musiker*innen und ihrem Repertoire erforscht, haben mich dazu bewegt, mich gedanklich nicht auf einzelne Musikstücke zu beschränken, sondern stattdessen auf der Grundlage von Schriftwechseln die Bewegung der Menschen nachzuvollziehen. Er hat mir empfohlen, mich systematischer mit Briefen und anderen Dokumenten zu befassen, um die Muster von Reisen, Mäzenatentum und Austausch kartieren zu können. Dieser Methodenwechsel hat meinen Umgang mit dem Thema Mobilität in meiner Forschung verändert.
Auch meine akademischen Fähigkeiten konnte ich während des Aufenthalts konkret verbessern. Ich habe meine Deutschkenntnisse weiter verfeinert, insbesondere für den Umgang mit Handschriften und gedruckten Texten aus dem siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert und konnte auch mein akademisches Netzwerk in Deutschland und darüber hinaus weiter ausbauen. Viele dieser Kontakte haben sich auf natürliche Weise im Forschungsalltag ergeben: An der Herzog August Bibliothek finden regelmäßig Vorträge und formlose Treffen statt, die mir den Austausch mit einheimischen und Gastwissenschaftler*innen erleichtert haben.

Privat
Blick aus einem Büro der Herzog August Bibliothek
Über Kolleg*innen aus Frankfurt und Jena und sogar Kontakte nach Essen, habe ich Wissenschaftler*innen von der Goethe-Universität Frankfurt am Main kennengelernt, die ich zum Kaffeetrinken oder Mittagessen treffen konnte, um mich mit ihnen über Forschungsergebnisse aus der Archivarbeit zu unterhalten. Mindestens zweimal war ich mit einem Musikwissenschaftler, der an der Herzog August Bibliothek geforscht hat, für einen Tag in Hannover, um dort Archive einzusehen. Diese Art von beruflichem Austausch hat oft zu gemeinsamen Mahlzeiten und ungezwungenen Unterhaltungen geführt. Diese Anlässe waren nicht nur gesellig, sondern auch Gelegenheiten, eine zukünftige Zusammenarbeit anzubahnen.
Jenseits der rein akademischen Welt war es auch sehr bereichernd für mich, im Alltag in Wolfenbüttel, Frankfurt und Jena die deutsche Kultur zu erleben. In Wolfenbüttel hatte ich beispielsweise das Glück, in einem bemerkenswerten Gebäude aus dem siebzehnten Jahrhundert mit Blick auf die Hauptkirche Beatae Mariae Virginis zu wohnen. Der Vermieter war ein älterer Herr, der unten im Haus wohnte und morgens oft mit mir über Musik und Stadtgeschichte sprach. Er ermunterte mich, regelmäßig die Stadtkirche zu besuchen, an der einst Michael Praetorius gearbeitet hat, um der Orgel und dem neuen Chor zu lauschen.
Durch diese Unterhaltungen und die räumliche Nähe zu diesem historischen Ort, fühlte ich mich auch im Alltag eng mit der Epoche verbunden, über die ich geforscht habe. Es war ein glücklicher Zufall, dass die Nachbarn Verbindungen zur Herzog August Bibliothek hatten, und so entstand schnell ein herzlicher Kontakt mit gegenseitigen Einladungen zum Abendessen.

HAB Wolfenbüttel
Herzog August Bibliothek
Die Bibliothek selbst ist ein Ort, an dem intellektueller Fokus auf eine einladende Atmosphäre trifft. Nach langen Arbeitstagen im Archiv habe ich oft mit Kolleg*innen in der Stadt gegessen und zweimal wöchentlich haben wir uns für einen lockeren Austausch zu einer traditionellen Kaffeestunde getroffen, was ich sehr zu schätzen wusste. Morgens bin ich vor der Arbeit oft auf dem Alten Weg in Richtung Braun-schweig spazieren gegangen. Neben Feldern und Wiesen kam ich dabei auch an der früheren Hinrichtungsstätte vorbei.
An Markttagen gab es hervorragende frische Erdbeeren, und die Getränke mit Rhabarbergeschmack am Stadtgraben werde ich nie vergessen. Mein Stammbäcker wusste irgendwann, was ich immer bestelle: Mohnkugeln und Ministerstreifen. In meiner Zeit in Frankfurt war ich etwas unabhängiger, aber ich habe mehrere Kirchen-konzerte in Sachsenhausen besucht. Insgesamt haben meine Erfahrungen mir geholfen, die deutsche Gesellschaft besser zu verstehen, und das hat meine Archivarbeit ergänzt und bereichert.
Ich habe es der Unterstützung der DAAD-Stiftung und insbesondere der Großzügigkeit von Dr. Michael Aven zu verdanken, dass ich so intensiv forschen und die Kultur auf eine Weise erleben konnte, wie es nur möglich ist, wenn man im Ausland lebt und arbeitet. Der Aufenthalt hat für mich den hohen intellektuellen und persönlichen Wert dieser Art von Austausch bestätigt. Ich bin zutiefst dankbar für diese Gelegenheit, am akademischen und kulturellen Leben in Deutschland teilzunehmen und so Neues zu lernen.
Stand: September 2025. Die englische Version ist das Original.

