Gesa Witt
Privat
Exkursion nach Schiermonnikoog
"Die Förderung meines Forschungsaufenthaltes in den Niederlanden durch das Akzo Nobel Stipendium der DAAD-Stiftung war eine besondere Chance, um mein berufliches Netzwerk zu erweitern und wertvolle Erfahrungen in einem internationalen Arbeits-umfeld zu sammeln."
Welche Herausforderungen und Chancen ergeben sich für den Tourismussektor im Hinblick auf Strategien zur Klimaanpassung? Mit Unterstützung des Akzo Nobel Stiftung Stipendiums der DAAD-Stiftung führte Gesa Witt an der Rudolf Agricola School in Groningen eine vergleichende Analyse der Lösungsansätze auf den niederländischen und deutschen Wattenmeerinseln durch.
Dabei lernte sie auch das in den Niederlanden oft angewandte „poldermodel“ kennen, eine Strategie, die sich auf Konsens fokussiert, statt auf Konflikten zu beharren. Durch die herzliche Aufnahme im Zuhause ihrer niederländischen Gastfamilie fühlte sich die neue Umgebung für sie gleich viel lebendiger an.
Im Rahmen meines Promotionsvorhabens an der Universität Vechta beschäftige ich mich mit der Frage, wie Degrowthansätze einen Beitrag zur Vermeidung oder Verminderung von Konflikten leisten können, die auf den ost- und westfriesischen Inseln durch Wachstumserwartungen im Tourismussektor entstehen. Dies geschieht vor dem Hintergrund der Auswirkungen des Klimawandels auf die Inseln und die Frage, wie transformative, klimaangepasste Lösungen für den Tourismussektor aussehen können.
Nachdem ich bereits viele Interviews auf den ostfriesischen Inseln geführt hatte, ging es nun darum, weitere Daten in den Niederlanden zu erheben, das hiesige Governance-system in Bezug auf Klimaanpassungsmaßnahmen besser zu verstehen und erste Ergebnisse zu präsentieren.
Der Vergleich zwischen den ost- und westfriesischen Inseln ist für meine Forschung besonders spannend, da hier ähnliche Problemlagen (Umgang mit Klimawandelfolgen oder Auswirkungen des Tourismus) unterschiedlich bewältigt werden und in den Niederlanden innovative Ansätze verfolgt werden, von denen ggf. die deutschen Wattenmeerinseln profitieren können (beispielsweise in Bezug auf regenerativen Tourismus oder eine Begrenzung der Bettenzahlen auf den Inseln).
Die Förderung meines Forschungsaufenthaltes in den Niederlanden durch das Akzo Nobel Stipendium der DAAD-Stiftung war hierbei eine besondere Chance für mich, um mein berufliches Netzwerk zu erweitern und wertvolle interkulturelle Erfahrungen zu sammeln. Die Rudolf Agricola School for Sustainable Development als interdisziplinäres Forschungsinstitut im Bereich nachhaltige Entwicklung war für mich mit ihrem breiten Netzwerk in Wissenschaft und Gesellschaft eine sehr passende Institution.

Privat
Präsentation auf der ISWSS
Ein besonderes Highlight war meine Vorstellung erster Ergebnisse auf dem „International Scientific Wadden Sea Symposium“ (ISWSS), das Ende Oktober in Groningen stattgefunden hat. Begleitet wurde ich hierbei von Prof.in Dr.in Amelie Bernzen, die mein Dissertationsprojekt in Vechta betreut. Ziel war ein wissenschaftlich fundierter Austausch darüber, wie natürliche und anthropogene Kräfte das Weltnaturerbe Wattenmeer beeinflussen.
Teilnehmende aus den Natur- und Sozialwissenschaften sowie aus Politik und Praxis diskutierten ein breites Spektrum an Themen aus unterschiedlichen Perspektiven – von kumulativen Belastungen über die Resilienz von Ökosystemen hin zu innovativen Ideen zu Nachhaltigkeitstransformationen. In der Session zu nachhaltiger Tourismus-entwicklung konnte ich Forschungsergebnisse zum Thema Wachstumsnarrative verschiedener Akteur*innen in der Biosphärenregion niedersächsisches Wattenmeer vorstellen.

Amelie Bernzen
Inselkonferenz
Zu diesem Thema ergab sich dann im Januar ein transdisziplinärer Austausch mit drei Mitarbeitenden aus dem Umfeld des 2025 neu eröffneten Weltnaturerbezentrums (WEC) in Lauwersoog. Hierzu gehörten Personen, die in der Ausstellungsgestaltung, der Öffentlichkeitsarbeit und Wissenschaftskommunikation oder der Koordination des Weltnaturerbes in der „Waddenvereniging“ zuständig sind.
Das WEC beinhaltet neben einer Seehundklinik auch das Angebot verschiedener Formate zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Ziel des Treffens war ein Austausch über die Bedeutung von Narrativen (z.B. in Bezug auf touristisches Wachstum) und wie diese für die Vermittlung von Transformationswissen an unterschiedliche Zielgruppen reflektiert und aufbereitet werden können. Ein Ergebnis des Treffens war die Erkenntnis, wie wichtig klare Begriffsdefinitionen und eine systematische Analyse anhand klar festgelegter Kriterien für die Auswertung von Narrativen ist.

Privat
Auf Schiermonnikoog
Da ich hauptsächlich mit qualitativen Methoden arbeite, ging es mir neben der Ergebnispräsentation besonders auch darum, einen tieferen Einblick ins Feld zu bekommen. Nach zwei Jahren der Datenerhebung und -auswertung auf den niedersächsischen Wattenmeerinseln war es mir wichtig, im letzten Jahr vermehrt einen Einblick in die Sichtweise niederländischer Akteur*innen zu bekommen.
Dies war beispielsweise bei einer Exkursion auf die westfriesische Insel Schiermonnikoog möglich, die im Rahmen der „Islands and Sustainability Conference“ Anfang November stattgefunden hat. Hier konnte ich wertvolle Einblicke in Herausforderungen vor Ort erlangen, die in der Umsetzung von Klimaanpassungs-maßnahmen insbesondere für den Tourismussektor entstehen. Ein gutes Beispiel für deren Überwindung sind Initiativen zum Sparen oder Wiederverwenden von Wasser, da der Bedarf durch höhere Gästezahlen und eine höhere Anzahl an Hitzetagen im Sommer zukünftig steigen wird.
Außerdem konnte ich verschiedene Veranstaltungen der Rudolf Agricola School, an der ich während meines Auslandsaufenthalts geforscht habe, nutzen, um mein berufliches Netzwerk auszubauen, Interviewpartner*innen zu gewinnen und Kooperationen für gemeinsame Forschungsarbeiten und Publikationen zu stärken. Ein Beispiel hierfür ist eine geplante vergleichende Erhebung zu Auswirkungen von Klimafolgenforschungs-ergebnissen auf Fragen der zukünftigen Wohnraumgestaltung auf den deutschen und niederländischen Wattenmeerinseln. Dieses Projekt wird über meinen Stipendienzeitraum hinaus fortgeführt werden.
Aus meinem Aufenthalt nehme ich viele spannende Ergebnisse für meine Forschung mit nach Hause, u.a. Erkenntnisse zum für die Niederlande typischen „Poldermodell“ zur Aushandlung von Lösungen bei tendenziell konfliktbehafteten Themen. Da es ursprünglich aus dem Küstenschutz bzw. Prozessen der Landgewinnung kommt, schließt sich hier sehr schön der Kreis zu den Themen meiner Forschung: Konsensmodelle können eine kollaborativere Form der Zusammenarbeit sein, als sie bisher teilweise in Deutschland gelebt wird.
Durch den Fokus auf Lösungen oder Gemeinsamkeiten anstatt auf Probleme entsteht Mut zum Ausprobieren und zur Umsetzung, der in Deutschland manchmal durch aufwendige bürokratische Prozesse etwas ausgebremst wird. In den nächsten Monaten werde ich die hier erhobenen Daten analysieren und mit den bereits vorhandenen Ergebnissen von den deutschen Inseln zusammenführen. Das Ziel meiner Arbeit ist zunächst eine akademische Aufbereitung im Rahmen meiner Dissertation, in weiteren Schritten sind jedoch auch anwendungsbezogenere Publikationen, beispielsweise in Form von Policy Briefs, denkbar.
Persönlich besonders inspirierend an der Arbeits- und Lebensweise, wie ich sie hier erleben durfte, waren für mich das hohe Vertrauen, das mir von Anfang an entgegengebracht wurde und der gelebte Pragmatismus, der oft zu einem größeren Fokus auf Lösungen anstatt dem Beharren auf Problemen führt.
Im Vergleich zu meinem auch in Deutschland sehr wohlwollenden Arbeitsumfeld sind die Unterschiede gering, das gesellschaftliche Klima und das Miteinander sind jedoch ein anderes (als greifbares Beispiel seien an dieser Stelle vielleicht die derzeitigen Grenzkontrollen auf deutscher Seite genannt, mit denen Reisende und Pendler*innen konfrontiert werden).
Ich wurde hier sehr herzlich in meiner neuen Umgebung aufgenommen und von so vielen Menschen willkommen geheißen. Viele haben mich direkt weitervermittelt an Kontakte, die mir in meiner Forschung weiterhelfen können. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle an alle Kolleg*innen der Uni Groningen sowie an Praxis- und Interview-partner*innen für eure Zeit!
Hierzu zählen insbesondere Prof. Dr. Frans Sijtsma und sein Team von Mitarbeitenden und Doktorand*innen an der Rudolf Agricola School, sowie Prof. Dr. Dimitris Balas und weitere Lehrende, Studierende und Promovierende des ISLANDS and Sustainability Research Masters an der Fakultät für Raumwissenschaften.

Privat
Co-Working space
Durch meine Einbettung in den Co-Working-Space des House of Connections direkt in der Innenstadt konnte ich regelmäßig an Veranstaltungen, Austauschformaten oder Netzwerkevents teilnehmen, so dass ich mich hier schnell persönlich und akademisch sehr gut aufgehoben gefühlt habe. Auch durfte ich zum ersten Mal an einer Zeremonie zur Verteidigung einer Dissertation teilnehmen, was für mich akademisch ein besonderes Highlight war, da Disputationen in den Niederlanden wesentlich formalisierter und traditionsbehafteter sind als in Deutschland.
Ich bin mir sicher, dass mein Forschungsaufenthalt an der Rudolf Agricola School meine weitere akademische Laufbahn sehr positiv beeinflussen wird. Schon jetzt haben sich Kooperationen ergeben, die über die Stipendienlaufzeit hinaus Früchte tragen und ich bin zuversichtlich, dass diese auch weiterhin bestehen bleiben und sich weiter entwickeln werden.

Eva Rahe
Im Lieblingscafé
Persönlich wird mir besonders mein Zuhause in meiner niederländischen Gastfamilie in Erinnerung bleiben. Durch sie war die neue Stadt für mich direkt lebendig und etwas weniger anonym, als wenn ich z.B. in einem Wohnheim untergekommen wäre. Danke, dass ihr mich so herzlich aufgenommen habt!
Gemeinschaftsbildend waren für mich auch der regelmäßige Austausch mit anderen internationalen Studierenden und Promovierenden in meinen Sprachkursen oder die Teilnahme an verschiedenen sozialen oder kulturellen Veranstaltungen, beispielsweise im Forum Groningen, im Grand Theatre, oder an der Uni im Rahmen des Studium Generale. Meine Lieblingsorte für kreative Pausen waren das „Black & Bloom“ und das „Books & Coffee“ – beide in direkter Nähe zur Bibliothek und zum Büro.

Privat
Weg zur Pfadfinderinsel
Mir bleiben außerdem die wöchentlichen Gruppenstunden mit den Pfadfinderkindern (5-7 Jahre) aus meiner Nachbarschaft in lebhafter Erinnerung. Denn: Das ehren-amtliche Engagement in einem Verein (oder wie man hier sagt, einer „vereniging“) ist für mich oft der beste Weg, um in einer für mich neuen Kultur und Sprache anzukommen.
Wahrscheinlich (k)ein Zufall, dass das Gelände der Gruppe sich auf einer kleinen Insel befindet (umgeben von -wie könnte es anders sein- Entwässerungsgräben), auf der man (für Inselforscher*innen nicht überraschend) für eine Weile Zeit, Raum und den Alltag um sich herum vergisst und wieder Kraft tanken kann für das nächste (Forschungs)abenteuer.
Stand: Januar 2026.

