Laura Lüthy

Privat

Replik des Schiffs Nao Victoria und Sevilla

„Dank des Prof. Bingel Stipendiums der DAAD-Stiftung konnte ich meine Dissertation methodisch entscheidend weiterentwickeln und wertvolle internationale Kooperationen aufbauen, die meine wissenschaftliche Arbeit langfristig begleiten werden. Der Aufent-halt hat mir neue Perspektiven eröffnet und meine akademische wie persönliche Entwicklung nachhaltig geprägt.“

Laura Lüthy, Doktorandin der Universität Konstanz, war einige Monate mithilfe des Prof. Bingel Stipendiums der DAAD-Stiftung an der Doñana Biological Station in Sevilla tätig, einem international anerkannten Zentrum für ökologische Forschung. Dort entwickelte sie auf Basis der Ergebnisse ihrer bisherigen Feldforschungen ein dynamisches Populationsmodell, mit dem sich die Entwicklung von Tierpopulationen in unterschiedlichen Klimaszenarien vorhersagen lässt. In ihr Alltagsleben in Spanien tauchte sie in kürzester Zeit ein und lernte dabei auch die typisch südeuropäischen späten Essenszeiten zu schätzen.

Im Rahmen meiner Doktorarbeit untersuche ich die Auswirkungen des Klimawandels auf eine bedrohte Primatenart, den Roten Stummelaffen (Piliocolobus tephrosceles), in Uganda. Im Fokus steht dabei, wie klimatische Veränderungen sowohl direkt (z. B. über Temperatur und Niederschlag) als auch indirekt (über Veränderungen der Nahrungs-verfügbarkeit) das Verhalten, die Ernährung und die Populationsdynamik dieser Art beeinflussen.

In den ersten beiden Kapiteln meiner Dissertation beschäftige ich mich damit, wie die Pflanzenphänologie im Kibale Nationalpark in Uganda vom Klima saisonal und langfristig beeinflusst wird und wie Klima und Futterverfügbarkeit das Verhalten und die Ernährung der Roten Stummelaffen beeinflusst. Das Ziel für das dritte Kapitel ist es, diese Ergebnisse mit populationsökologischen An-sätzen zu verknüpfen.

Konkret modelliere ich, wie sich unsere Studienpopulation in den letzten 10+ Jahren entwickelt hat, welche Faktoren sie am meisten beeinflussen, und wie sie sich unter verschiedenen zukünftigen Klimaszenarien voraussichtlich entwickeln wird, inklusive einer Abschätzung des Aussterberisikos.

Lüthy Mistkäfer

Privat

Vermessung von Mistkäfern Doñana Biological Station

Dank des Prof. Bingel Stipendiums konnte ich zwei Monate an der Doñana Biological Station (EBD-CSIC) in Sevilla arbeiten, einem international anerkannten Zentrum für ökologische Forschung. Meine Dissertation mache ich am Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie und an der Universität Konstanz. Der Forschungsaufenthalt in Sevilla gab mir die Möglichkeit mit einer Gruppenleiterin zu arbeiten, die Expertin im Bereich Populationsökologie ist. Ich kannte sie schon von meiner Zeit als Bachelor-studentin an der Universität Zürich, an der sie als Postdoc tätig war. Nun ist sie Gruppenleiterin in Sevilla. Dieser Kontakt war extrem hilfreich für die erfolgreiche Durchführung meines dritten Kapitels.

Nach meiner Ankunft durfte ich auch die ersten zwei Kapitel meiner Dissertation am wissenschaftlichen Seminar des Instituts präsentieren. Der fachliche Austausch mit den Forschenden in Sevilla war inspirierend und hat meine Perspektive auf wissen-schaftliche Fragestellungen erweitert. Ich habe viele tolle Menschen aus verschiedenen ökologischen Fachrichtungen kennengelernt, mit ihnen jeweils gemeinsam zu Mittag gegessen und über unterschiedlichste Themen diskutiert.

Lüthy Präsentation

Privat

Präsentation am Institut

Außerdem haben wir Ausflüge unternommen und nach der Arbeit gemeinsam Zeit verbracht, zum Beispiel beim Kajakfahren auf dem Guadalquivir oder bei den häufigen Besuchen in den zahlrei-chen Eisdielen der Stadt. Gleichzeitig habe ich auch von der Erfahrung der anderen Gruppenmit-gliedern und Postdocs viel für meine Arbeit profitiert. Besonders erfreulich war es, im Seminar eine Forscherin kennenzulernen, die vor einigen Jahren am gleichen Projekt gearbeitet hat und über umfangreiche thematische Expertise verfügte.

Während meiner Zeit in Sevilla arbeitete ich eng mit meiner Betreuerin, einer Expertin in dynamischen Populationsmodellierung, zusammen. Nach intensiven Gesprächen mit meiner Gastgeberin konnte ich in dieser kurzen Zeit nicht nur ein erstes dynamisches Populationsmodell entwickeln, sondern auch einen klaren Plan für die weitere methodische Ausarbeitung definieren, der die Basis für eine gemeinsame Publikation bildet. Ausserdem habe ich einen Einblick in eine neue For-schungsrichtung erhalten, in welcher unter anderem mit theoretischen und statistischen Modellen Prognosen und «Digital Twins» erstellt werden, und wertvolle Kontakte für meine Zukunft geknüpft.

Lüthy Altstadt Sevilla

Privat

Altstadt von Sevilla

Neben der wissenschaftlichen Arbeit habe ich auch das Leben in Sevilla sehr genossen. Die histori-sche Stadt ist äußerst lebendig, architektonisch beeindruckend und lässt sich hervorragend zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Ich wohnte im Viertel Triana und nutzte täglich das öffentliche Fahrradverleihsystem Sevici für den Weg ins Institut wobei ich jeden Tag 20 Minuten den Sonnenschein auf dem Weg geniessen durfte und durch die Isla de la Cartuja, dem Standort der Weltausstellung 1992, vorbei an beeindruckenden Einrichtungen fuhr.

An die spanischen Essenszeiten, Mittagessen am späten Nachmittag und Abendessen oft erst ab 21 Uhr, musste ich mich zunächst gewöhnen, lernte diese Lebensweise jedoch schnell zu schätzen. Besonders angenehm waren die vielen Sonnenstunden und milden Temperaturen im Herbst, die einen starken Kontrast zum grauen Alltag in Deutschland bildeten. Auch kulturell bot Sevilla viel: Flamenco-Vorführungen, Kajakfahrten auf dem Guadalquivir, sowie das grosse Event um die Anschaltung der Weihnachtsbeleuchtung und das lebendige Stadtleben bleiben mir besonders in Erinnerung. Natürlich bestaunte ich als Seglerin auch das Schiffsreplikat und Museum zur ersten Weltumseglung, die 1519 von Sevilla aus startete.

Lüthy Torre del Oro

Privat

Torre del Oro am alten Hafen

Der Aufenthalt war auch sprachlich eine Herausforderung und Bereicherung. Zu Beginn sprach ich kaum Spanisch, und selbst einfache Alltagsinteraktionen, etwa beim täglichen Anmelden an der Sicherheitsloge des Instituts, waren zunächst schwierig und funktionierte oft nur mit Hilfe von Gestik und Mimik. Im Laufe der zwei Monate konnte ich jedoch deutliche Fortschritte machen und am Ende kurze Gespräche führen, ohne dass automatisch ins Englische gewechselt wurde. Dies erleichterte nicht nur den Alltag, sondern auch die Integration ins Institut, da einige Vorträge und informelle Gespräche auf Spanisch stattfanden.

Zusätzlich nahm ich in Triana, das für seine Keramikkunst bekannt ist, an einem Töpferkurs direkt an meiner Strasse teil, und hatte dabei trotz meiner limitierten Spanischkenntnisse viel Spass mit den Sevillanos, die extrem freundlich und zuvorkommend waren, und mir mit einem riesigen Lachen viel über das Töpfern beibrachten.

Lüthy Töpfern

Privat

Beim Töpferkurs

Ein weiterer Höhepunkt meines Aufenthalts war die Gelegenheit, an Feldarbeiten im Nationalpark Doñana teilzunehmen. Dort unterstützte ich das Forschungsteam bei der Untersuchung von Mistkäfern, die mit Hilfe von Kuhdung angelockt, bestimmt und vermessen wurden, um ihren Lebenszyklus und klimatische Einflüsse besser zu verstehen. Das mediterrane, sandige Ökosystem stellte einen starken Kontrast zu den tropischen Wäldern meiner eigenen Feldforschung dar. Die Landschaft, die Artenvielfalt sowie die Begegnungen mit anderen internationalen Forschungsgruppen hinterliessen einen bleibenden Eindruck.

Rückblickend war der Forschungsaufenthalt in Sevilla sowohl wissenschaftlich als auch persönlich äußerst bereichernd. Besonders in Erinnerung bleiben mir die Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, die inspirierenden Gespräche, und die Möglichkeit, meine Dissertation für einen begrenzten Zeitraum hochkonzentriert voranzubringen. Ich habe wertvolle akademische Kontakte knüpfen können, die über den Aufenthalt hinaus Bestand haben und zukünftige Kooperationen ermöglichen werden.

Nach meiner Rückkehr werde ich die entwickelten Modelle weiter verfeinern, die Ergebnisse in meine Dissertation integrieren und die gemeinsame Publikation vorbereiten. Der Aufenthalt an der Doñana Biological Station hat meine wissenschaftliche Arbeit nachhaltig geprägt und mir neue methodische Perspektiven und wissenschaftliche Impulse für meine weitere akademische Laufbahn gegeben.

Ich bin der DAAD-Stiftung sehr dankbar für die Förderung durch das Prof. Bingel Stipendium, die mir diesen Forschungsaufenthalt ermöglicht hat. Ebenso danke ich meiner Gastgeberin sowie den Kolleginnen und Kollegen an der Doñana Biological Station für ihre fachliche Unterstützung, ihre Offenheit und die angenehme Zusammenarbeit. Die Zeit in Sevilla war für meine wissenschaftliche und persönliche Entwicklung von großem Wert, insbesondere durch den intensiven fachlichen Austausch, die methodische Weiterentwicklung und die neu entstandenen Kontakte, die meine weitere Arbeit langfristig begleiten werden.

Stand: November 2025