Fedosia Tabyisova

Privat

Auf der berühmten alten Brücke in Heidelberg

"Die Zeit in Heidelberg war für mich eine musikwissenschaftliche Forschung, von der ich nur träumen konnte. Die strahlende Erinnerung an Professor Ulla Johansen, die so viel für uns getan hat, wird für immer in unseren Herzen bleiben."

Die Doktorandin Fedosia Tabyisova erforschte den Musiker Arnold Schlick im Rahmen des Ulla-Johansen-Stipendiums in Heidelberg.

In diesen Worten berichtet sie über ihren Aufenthalt:

2019 hatte ich das Glück, für das Ulla-Johansen-Stipendium der DAAD-Stiftung ausgewählt zu werden. Ein zusätzliches Geschenk zum Stipendium war ein zweimonatiger Sommerkurs Deutsch B2-B3 an der Sprachschule des Goethe-Instituts in Göttingen. Dank ihm konnte ich meine Deutschkenntnisse verbessern. Dies wurde durch ein Kompliment meines deutschen wissenschaftlichen Leiters bestätigt, der sofort eine qualitativ neue Ebene unserer wissenschaftlichen Korrespondenz feststellte.

Da das Thema meiner wissenschaftlichen Forschung der Persönlichkeit und dem kreativen Erbe des berühmten Heidelberger Musikers, Organisten und Lautenspielers, Orgelexperten und Komponisten der Renaissance, Arnolt Schlick (1445-1460 - nach 1521) gewidmet ist, fiel meine Wahl auf die Hochschule für Kirchenmusik Heidelberg. Arnolt Schlick ist eine bedeutende Persönlichkeit in der Geschichte der Orgelkunst, da er eine der ersten deutschsprachigen Abhandlungen über den Orgelbau und die kirchliche Praxis der Organisten hinterlassen hat. Dies ist "Spiegel der Orgelmacher und Organisten" (1511). Das zweite erhaltene Werk des 'Meisters Arnolt des Blinden' ist die früheste gedruckte deutsche Orgel- und Lautentabulatur "Tabulaturen etlicher lobgesang vnd lidlein vff die orgeln und lauten" (1512).  Der wichtigste Grund, warum ich nach Deutschland musste, war ein bekanntes Exemplar der Abhandlung, die in der historischen Marienbibliothek (Halle) aufbewahrt wird, sowie die Übertragung  in die moderne deutsche Sprache von Paul Smets mit vielen Informationen im Nachwort des Herausgebers, die in der Universitätsbibliothek Heidelberg auslag. Dort konnte ich mich auch mit wichtigen Quellen zu Schlicks Werk sowie Literatur zum Thema der Dissertation vertraut machen.

Tabyisova Vortrag

Privat

Beim Vortrag im Haus der Musik in Innsbruck

Der Professor dieser schönen Hochschule, Dr. Michael Gerhard Kaufmann, hat meine Bitte, die Dissertation zu betreuen, positiv beantwortet und hat sich von diesem Moment an aktiv an meinem wissenschaftlichen und musikalischen Leben in Deutschland beteiligt. Ihm war es zu verdanken, dass das Programm meines Deutschlandaufenthaltes sehr reichhaltig ausfiel. Auf seine Empfehlung hin habe ich zum Beispiel am Wettbewerb um die Teilnahme am Internationalen Symposium „Zum Maximilian-Jubiläum – Die Orgeln der Hofkirche Innsbruck und ihr kulturelles Umfeld: Geschichte und Gegenwart“ teilgenommen, das von der Universität Mozarteum (Salzburg) im österreichischen Innsbruck, wo sich die Residenz von Kaiser Maximilian I. befand, veranstaltet wurde.

Mein Vortrag zum Thema der Dissertationsarbeit „Zur idealen Orgel von Arnolt Schlick“ fand Anfang September im Haus der Musik (Innsbruck) statt. Außerdem konnte ich dank der Empfehlung von Professor Kaufmann ein einsemestriges Gaststudium in der Cembaloklasse bei Dozentin Christiana Lux sowie in der Orgelklasse bei Dozentin Maria Mokhova an der Hochschule absolvieren. Ich konnte auch dank Professor Kaufmann Kurse für Orgelsachverständige besuchen, historische Orgeln in Innsbruck zu besichtigen und den komplexen Orgelbau von innen kennenlernen.

Tabyisova Im Text 2

Privat

Zu Besuch bei einer historischen Orgel in Innsbruck

Die Fortbildung im Hauptfach war sehr interessant und spannend mit vielen historischen Informationen, die die fachliche und kontextuelle Grundlage für die Forschung geschaffen haben. Da liegt es auf der Hand, dass ich mit einem deutschen wissenschaftlichen Berater großes Glück hatte, da er für mich ein spezielles und vielseitiges Programm, mit Fokus auf den historischen Ansatz, für eine Forschungsfortbildung entwickelt, meine Bemühungen unterstützt und bei der Dokumentation sehr geholfen hat. Er erklärte sich auch bereit, nach Beendigung des Stipendiums mein zweiter wissenschaftlicher Betreuer zu bleiben. Ich möchte nicht nur seine tollen professionellen Qualitäten betonen, sondern auch die menschlichen - Offenheit, Geduld und Hilfsbereitschaft.

Was den Alltag in Deutschland betrifft, sind mir so menschliche Charaktereigenschaften der einheimischen Bevölkerung aufgefallen, wie große Geduld, echte Demokratie, Hilfsbereitschaft. Diese Eigenschaften habe ich auch bei meinen deutschen Lehrern bemerkt, die mich immer mit ihrer Geduld überrascht haben, die mit Beharrlichkeit im Bildungsprozess verbunden war.

Wahre Demokratie, wie ich sie verstehe, ist die Fähigkeit des deutschen Volkes, andere zu hören, eine andere Meinung zu respektieren, auch wenn sie nicht ganz richtig ist. Es ist schwer zu sagen, was die Unterschiede zwischen der deutschen und jakutischen Lebensart sind. Aber mir war der Unterschied zwischen der Arbeit im deutschen und im russischen Bildungssystem aufgefallen. Lehrer können es sich in Deutschland leisten, sich viel mehr auf ihre wissenschaftliche Arbeit zu konzentrieren als ihre russischen Kollegen. Letztere müssen viel Zeit für die Bürokratie aufwenden: alle möglichen Dokumentationen und Programme schreiben, Akkreditierungen bestehen usw.

Es gibt zweifellos einen Unterschied zwischen dem deutschen und dem russischen Service. In Deutschland ist darin ein professionellerer Ansatz erkennbar. Die Servicemitarbeiter sind oft sehr kompetent, kulturell und freundlich. Soviel ich weiß, kann ein Hochschulabsolvent auch im Supermarkt an der Kasse arbeiten. Die Einstellung, mit dem Dienstleistungssektor in Deutschland zusammenzuarbeiten, schien mir praktisch und demokratisch zu sein. In Russland ist das Serviceniveau in letzter Zeit besser geworden als beispielsweise vor 20 bis 30 Jahren, aber es gibt noch Raum für Verbesserungen. Sonstige Freizeitaktivitäten kann ich nur schwer einschätzen, da ich in letzter Zeit aufgrund der hohen Arbeitsbelastung in Beruf und Studium zu wenig Freizeit habe.

Ein weiterer wichtiger Punkt finde ich, dass ich in Deutschland neue Freunde gefunden habe, mit denen ich freundschaftlichen Kontakt pflege, Meinungen austausche und mit denen wir beidseitig Gast Reisen planen.

Tabyisova Orientierunsseminar

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Eine Stipendien-Patenschaft bedeutet Freude für beide Seiten

Ich bin der DAAD-Stiftung und Frau Professor Ulla Johansen, sehr dankbar für die unschätzbare Chance, die sie uns durch die Vergabe von Stipendien zur Verbesserung unseres Bildungsniveaus bieten. Leider ist Frau Professor Ulla Johansen, die einen großen persönlichen Beitrag zur Entwicklung einer neuen Generation von Wissenschaftlern aus Jakutien geleistet hat, ihre persönliche Bibliothek der Nationalbibliothek der Republik Sacha (Jakutien) gespendet und ein persönliches Stipendium durch die DAAD-Stiftung eingerichtet, verstorben im Februar dieses Jahres. Die strahlende Erinnerung an Professor Ulla Johansen, die so viel für uns getan hat, wird für immer in unseren Herzen bleiben.

Stand: August 2021. Die deutsche Version ist das Original.