Johannes Branahl
Privat
Im Büro an der School of Philosophy
„Edinburgh bietet nicht nur 1000 Jahre Stadtgeschichte und beeindruckende Land-schaften, sondern auch ein akademisches Umfeld, das neue Ideen fördert und den Blick über die Grenzen der eigenen Disziplin.
In der inspirierenden Atmosphäre zwischen Philosophie und Physik konnte ich mein Projekt entscheidend weiterdenken und mich zugleich akademisch wie persönlich weiterentwickeln.“
Gefördert durch das Knapp Stipendium der DAAD-Stiftung forschte Dr. Johannes Branahl an der Schnittstelle zwischen Physik und Philosophie. Seine wissenschaftliche Arbeit an der University of Edinburgh, die weitere theoretische Vertiefung in die Thematik und die Vernetzung mit internationalen Wissenschaftlern war für sein Forschungsprojekt von entscheidender Bedeutung. Seine Freizeit nutzte er unter anderen für Wanderungen durch die atemberaubende Natur Schottlands.
Das Standardmodell der Teilchenphysik ist eine der erfolgreichsten Theorien der Wissenschaftsgeschichte – vielfach mit enormer Präzision (mitunter auf 11 Stellen hinter dem Komma) bestätigt und eine tragende Säule der Grundlagenphysik. Gerade sein Erfolg hat diese Disziplin jedoch in eine schwierige Situation manövriert: Es ist unzweifelhaft, dass es eine Physik jenseits des Standardmodells geben muss, da dieses einige zentrale Fragen unbeantwortet lässt.
Doch im Lichte der Newtonschen Metapher des „Standing on the Shoulders of Giants” wird klar, wie steinig der Weg zu neuer Physik sein kann, wenn die etablierte Physik bis auf wenige Ausnahmen unangreifbar scheint. Hinzu kommen womöglich prinzipielle Hürden des technisch Machbaren und des menschlich Denkbaren, die diesen Weg weiter erschweren. Das Ergebnis aus 50 Jahren Physik jenseits des Standardmodells: Stagnation.

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McEwan Hall der University of Edinburgh
Diese weitgehende Stagnation habe ich als aktiv forschender theoretischer Teilchen-physiker in Münster und Oxford (2018-2022) selbst erlebt. In dieser Zeit reifte der Gedanke, dieses Phänomen einer gründlichen wissenschaftstheoretischen Analyse zu unterziehen. Im Rahmen meines daraufhin begonnenen philosophischen Promotions-projekts zum Thema "Eine Polykrise in der Teilchenphysik jenseits des Standard-modells?" hatte ich nun durch das Knapp-Stipendium der DAAD-Stiftung die Gelegen-heit, einen zweimonatigen Forschungsaufenthalt an der Universität Edinburgh zu verbringen.
Dieser Aufenthalt stellte eine zentrale Phase meiner Arbeit dar und diente insbesondere der Bearbeitung des bislang wenig erschlossenen dritten und letzten Abschnitts meines Dissertationsvorhabens: der Krise der empirischen Überprüfbarkeit in der Teilchen-physik.

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Blick auf Edinburgh
Mein Forschungsaufenthalt war eingebettet in das Department of Philosophy der University of Edinburgh. Die fachliche Betreuung durch Prof. Michela Massimi war von herausragender Bedeutung, da ein Aspekt ihrer Arbeit genau an die philosophischen Fragestellungen meiner Dissertation anschließt. Michela und ihre Forschungsgruppe, bestehend aus vier Doktorand:innen aus vier Nationen, lieferten nicht nur wichtige Impulse für meine Analyse der experimentellen Grenzen der Physik jenseits des Standardmodells, sondern ermöglichten mir durch Kolloquien, sonstige Veranstaltungen und individuelle Gespräche eine intensive fachliche Auseinandersetzung mit aktuellen Debatten zur epistemologischen Rolle empirischer Evidenz.
Zum anderen war die wissenschaftliche Infrastruktur – inklusive Bibliotheken, Kollo-quien und regelmäßiger Austauschformate – exzellent und bot ideale Bedingungen für die Weiterentwicklung meines Promotionsprojekts.

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Vom Blackford Hill herabschauend
Besonders erfreulich war, dass sich sowohl akademische als auch persönliche Kontakte ergaben, die über die Dauer meines Aufenthalts hinaus Bestand haben werden. Auf fachlicher Ebene bestehen bereits konkrete Pläne für zukünftige Austauschformate über unseren jeweiligen Fortschritt, wie etwa die Einladung zu Seminarvorträgen und Kolloquien in Edinburgh und Münster.
Auf persönlicher Ebene sind Bekanntschaften und Freundschaften mit Promovierenden aus Großbritannien, Griechenland, Peru und den USA entstanden, die nicht nur den wissenschaftlichen Alltag bereicherten, sondern auch in Freizeitaktivitäten wie Wanderungen, Pub-Abenden und gemeinsames Kochen mündeten.

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Wanderung zum Old Man of Storr auf der Isle of Skye
Diese Bekanntschaften gingen weit über Michelas Arbeitsgruppe hinaus – das Konzept von fachübergreifenden Großraumbüros erleichterte das „Ankommen“ erheblich und förderte den Austausch mit Vertreter:innen verschiedener Humanwissenschaften sehr. Ein solches internationales Netzwerk empfinde ich als großen Gewinn, der auch über die Dissertation hinaus prägend sein wird.
Ebenso ein menschlicher Gewinn war meine Wohnsituation während meines Aufenthaltes: Über Airbnb fand ich eine Unterkunft eines schottischen Paares, nur wenige Minuten von der Uni entfernt, das drei weitere Zimmer für Langzeitaufenthalte für ca. 1.400 Pfund monatlich vermietete.
So kam ich in den Genuss regelmäßig wechselnder Mitbewohner:innen aus, soweit ich es richtig rekonstruiere, neun Nationen – oftmals Studierende oder junge „Digital Nomads“, von denen ich allerlei über die derzeitige Weltlage erfuhr oder mit denen ich den Haushund Umber auf den nahegelegenen Blackford Hill ausführte. Der Blick vom Gipfel bietet das spektakuläre Panorama aus Nordsee, Highlands und mittelalterlicher Stadt, welches Edinburgh so einmalig schön macht (dieser Gipfel ist übrigens auch deshalb mein Highlight der Stadt, weil man ihn im Gegensatz zu allen anderen schönen Orten in der Regel für sich allein hat und von Touristenmassen unbehelligt ist).
Der Alltag in Edinburgh unterschied sich in vielen Details, aber auch in grundlegender Hinsicht von dem, was ich aus Deutschland gewohnt bin. Als Deutscher fiel mir insbesondere die entspanntere, zugleich aber hochgradig professionelle Arbeitsweise auf, die an der University of Edinburgh gepflegt wird. Meetings und wissenschaftliche Diskussionen fanden in einer deutlich hierarchiefreieren Atmosphäre statt. Der Aus-tausch war geprägt von Offenheit, Kollegialität und einem starken Interesse an interdisziplinären Perspektiven.
Auch im Alltagsleben zeigte sich ein hohes Maß an Hilfsbereitschaft und gegenseitigem Respekt – etwa im öffentlichen Nahverkehr, beim Einkauf oder im Umgang mit Nachbarn. Die Lebensweise insgesamt empfand ich als etwas pragmatischer, aber auch weniger durchorganisiert als in Deutschland. Der Umgang mit Unwägbarkeiten erschien mir flexibler – ein „It'll work out“-Geist war deutlich spürbar.
In besonders lebendiger Erinnerung bleiben mir kulturelle Erfahrungen, die sich aus der unmittelbaren Umgebung ergaben. Die Vielfalt der Stadt Edinburgh, ihre historischen Kontraste zwischen mittelalterlicher Altstadt und Georgianischer Neustadt, aber auch die Natur direkt vor der Haustür (die atemberaubenden Highlands in greifbarer Nähe – mein Geheimtipp: die von Touristen noch weitgehend unentdeckte Isle of Mull) prägten meine Wochenenden.
Rückblickend hat sich der Aufenthalt in Edinburgh als entscheidend für den Fortschritt meines Promotionsprojekts erwiesen. Er stellte eine Phase intensiver Reflexion, theoretischer Vertiefung und internationaler Vernetzung dar – und hat mein Verständnis der strukturellen Probleme der gegenwärtigen Grundlagenphysik nachhaltig geprägt.
Abschließend möchte ich daher Dr. Wolfgang Knapp, der DAAD-Stiftung sowie den beteiligten Fachgutachterinnen und Fachgutachtern meinen aufrichtigen Dank aus-sprechen. Der Forschungsaufenthalt an der University of Edinburgh wurde durch Ihre Unterstützung überhaupt erst möglich und entwickelte sich zu einer der prägendsten Etappen meines bisherigen akademischen Werdegangs.
Die großzügige Förderung ermöglichte mir nicht nur die intensive wissenschaftliche Arbeit an einem zentralen Teil meines Dissertationsvorhabens, sondern auch wertvolle interkulturelle Erfahrungen und nachhaltige internationale Vernetzung. Für dieses Vertrauen und die hervorragende Betreuung bedanke ich mich herzlich.
Stand: Juni 2025.

