Tade Rücker
Privat
In einer Besetzung nahe des Stausees Billings
"Durch das Gustav-Schübeck-Stipendium der DAAD-Stiftung hatte ich die Möglichkeit, zwei Monate in São Paulo zu forschen und wichtige Erkenntnisse für meine Dissertation zu sammeln. Neben der intensiven Auseinandersetzung mit meinem Forschungsthema konnte ich die Stadt besser kennenlernen und viele neue Kontakte knüpfen – sowohl auf wissenschaftlicher Ebene als auch persönlich. Aus manchen dieser Begegnungen sind bleibende Verbindungen entstanden, die mich sowohl fachlich als auch persönlich begleiten."
Mit Unterstützung des Gustav Schübeck Stipendiums der DAAD-Stiftung führte Tade Rücker empirische Forschungen in den umliegenden Siedlungen von São Paulo durch und lernte Alltag und Lebensrealitäten der Einwohner kennen. Dabei beeindruckten ihn nicht nur das Engagement, sondern vor allem auch die große Aufgeschlossenheit der Menschen.
In meinem Promotionsprojekt untersuche ich, wie Wasser- und Abwasserinfrastrukturen die Urbanisierung an den Rändern der Metropolregion São Paulo beeinflussen. Dabei liegt mein Fokus auf zwei unterschiedlichen Siedlungstypen: Zum einen Landbe-setzungen am Stadtrand, die häufig von kollektiven, politischen Gruppen wie urbanen sozialen Bewegungen organisiert werden und oft die gemeinschaftliche Errichtung öffentlicher Einrichtungen sowie den Schutz ökologischer Belange einschließen. Zum anderen irreguläre Siedlungen, die sich meist schrittweise und „spontan“ durch informelle Parzellierung entwickeln, oft initiiert von illegalen Organisationen.

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Wasserversorgung vor Ort
Durch Feldforschung in diesen verschiedenen peripheren urbanen Räumen sowie Interviews mit verschiedenen Akteuren analysiere ich die Dynamiken zwischen Bewohner*innen, Verwaltung und privatwirtschaftlichen Interessen. Insbesondere seit der fortschreitenden Privatisierung des Wassersektors spielen finanzwirtschaftliche Entwicklungen und Akteure eine bedeutende Rolle bei der Legalisierung vormals irregulärer Wassernetzwerke (ein informeller Wasseranschluss in Brasilien ist eine Wasserverbindung, die ohne offizielle Genehmigung direkt von Bewohner*innen an das öffentliche Wassernetz angeschlossen wird, auch Gato genannt).
Der Fokus auf Infrastruktur erlaubt es mir, Urbanisierungsprozesse in Brasilien sowohl auf Mikro- als auch auf Makroebene zu betrachten. In meiner Arbeit lege ich vor allem Wert darauf, die unterschiedlichen Machtverhältnisse im Prozess der ‚Stadtwerdung‘ herauszuarbeiten. Durch die Förderung der DAAD-Stiftung konnte ich einen weiteren Forschungsaufenthalt in Brasilien realisieren, wofür ich sehr dankbar bin.

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Versammlung
In den Besetzungen und irregulären Siedlungen an den Stadträndern habe ich Interviews mit Repräsentant*innen von Nachbarschaftsvereinigungen und sozialen Bewegungen geführt. Hierfür wurde im Vorfeld ein Interviewleitfaden erstellt, der jedoch hauptsächlich als Orientierungshilfe diente, da die Gespräche oftmals sehr spontan verliefen. Zusätzlich habe ich Go-Along-Interviews durch die Siedlungen durchgeführt, wobei der Fokus auf Wasser- und Abwasserinfrastrukturen lag.
Ich nahm auch an Treffen und Veranstaltungen teil und führte informelle Gespräche beim mutirão, einer gemeinschaftlichen Arbeitsaktion zur Verbesserung der Nachbar-schaft, oder beim cafézinho, einem süßen, sehr heißen Kaffee, der zu jeder Tageszeit getrunken wird und zu einem schnellen Plausch einlädt. Die Gespräche mit Vertreter*innen von Verwaltung, NGOs, sozialen Bewegungen und dem Finanzsektor waren größtenteils leitfadengestützte Expert*innen-Interviews.

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Selbstbausiedlung im Nordwesten der Metropole
Oftmals wurden die interessantesten Informationen jedoch in den informellen Vorgesprächen oder nach der Beendigung der Tonaufnahme preisgegeben. Exemplarisch hierfür stehen Hinweise auf undurchsichtige politische Entscheidungen, Korruptionsverdachtsmomente sowie den Einfluss krimineller Organisationen. Im Verlauf der zwei Monate des Stipendiums führte ich 16 Expert*inneninterviews (jeweils ein bis zwei Stunden), führte sechs Go-Along-Interviews und war bei etwa zehn Nachbarschaftstreffen und anderen Veranstaltungen anwesend. Für mich persönlich hatten sämtliche Feldaufenthalte und Interviews Relevanz, da sich tiefere Erkenntnisse häufig erst im Zusammenspiel mit anderen Informationen erschlossen.
Die Ergebnisse wurden in Form von Feldtagebüchern, ethnografischen Notizen und Interviewtranskriptionen festgehalten. In den nächsten Monaten werde ich diese Materialien sichten, codieren und auswerten. Anschließend verknüpfe ich die Ergebnisse mit dem theoretisch-konzeptionellen Analyserahmen, bevor ich mit der endgültigen Schreibarbeit in Deutschland beginne.

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Gemeinschaftsgarten
Mich haben die Erlebnisse vor Ort nicht nur in fachlicher, sondern auch in persönlicher Hinsicht sehr bereichert. Die Besuche in Besetzungen und irregulären Siedlungen ermöglichten mir wertvolle Einblicke in die Lebensrealitäten der Bewohner*innen in den urbanen Peripherien von São Paulo.
Mich beeindruckte nicht nur die unermüdliche Arbeit der Bewohner*innen zur Verbesserung der Infrastruktur ihres Wohnumfelds, sondern auch die fortwährenden Aushandlungen innerhalb der Nachbarschaft sowie mit staatlichen Stellen und Infrastrukturunternehmen. Diese Aushandlungen verliefen teils über formale, teils über informelle Wege. Einerseits zeigte sich, dass auch in Brasilien viele Prozesse stark bürokratisiert sind, bei denen unterschiedliche staatliche und nicht-staatliche Institutionen beteiligt werden müssen – etwa beim Zugang zu grundlegender Infrastruktur wie Strom oder Wasser.

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Jaragua
Andererseits spielen informelle Praktiken eine wichtige Rolle: Gespräche mit Mitarbeitenden von Versorgungsunternehmen, lokale Protestaktionen vor Behörden oder direkte Kontakte zu Politiker*innen, die Infrastrukturmaßnahmen mit Wahl-versprechen verknüpfen, sind ebenso Teil des Alltags politischer Aushandlung. Empirische Forschung in unbekannten Kontexten erfordert Flexibilität und die Fähigkeit zur spontanen Anpassung an neue Gegebenheiten. Manchmal klappt etwas nicht, der Interviewpartner sagt in letzter Minute ab, oder es bleibt keine Zeit für ein Gespräch, da das Abwassernetz repariert werden muss.

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São Paolo Stadtzentrum
Durch diesen Forschungsaufenthalt konnte ich meine akademischen und persönlichen Kontakte aus früheren Aufenthalten weiter vertiefen. Besonders bereichernd war die regelmäßige Teilnahme an den wöchentlichen Sitzungen der Forschungsgruppe LIMIARES (Limites da Acumulação e Reprodução do Espaço), in der wir methodische und theoretische Zugänge gemeinsam diskutierten. Zum engeren Kreis der Gruppe zählen etwa 20 Personen, die meisten im Master- bzw. Promotionsstudium.
Forschungsgruppen wie diese sind ein zentraler Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens an brasilianischen Universitäten wie der USP: Unter der Leitung von Professor*innen arbeiten Studierende und Forschende eng zusammen an aktuellen gesellschaftlich relevanten Themen. Der Austausch mit Mitgliedern des human-geographischen Instituts bot mir wertvolle Einblicke in theoretische Debatten sowie in die brasilianische Forschungspraxis. Gemeinsam mit Kolleg*innen wurden zudem Feldaufenthalte organisiert und erste Publikationsprojekte angestoßen. Politische Diskussionen wurden oftmals nach den Treffen in den Botecos von Butantã fortgeführt.

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Fußballturnier
Aber auch durch meine Freund*innen und Bekannte in São Paulo habe ich viel über Kultur und Gesellschaft gelernt. Die meisten meiner Kontakte waren Brasilianer*innen, mit denen ich mich überwiegend auf Portugiesisch unterhielt. Dabei konnte ich meine Sprachkenntnisse deutlich verbessern und alltägliche Ausdrucksweisen sowie regionale Besonderheiten kennenlernen. Ob in Gesprächen über die Kolonisationsgeschichte, Stadtentwicklung, Militärdiktatur und Politik oder über Musik, Essgewohnheiten und Umgangsformen – all diese Erfahrungen haben meinen Blick erweitert.
Stadtgeographische Forschung hört nicht am Schreibtisch auf, sondern findet auch im Alltag statt, oft ohne, dass man es bewusst wahrnimmt. Ich hoffe, dass meine Kontakte zu den Menschen vor Ort bestehen bleiben und sie mich eines Tages in Deutschland besuchen können, um ihnen auch hier einen Einblick in die Lebensrealität zu geben.

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Nachtleben in São Paulo
Durch meine Freund*innen in São Paulo konnte ich schnell eine Unterkunft für die Zeit meines Aufenthalts finden und wurde in die verschiedensten Freizeitaktivitäten eingebunden. Ich habe während meines Aufenthalts ein Zimmer in einer netten Wohngemeinschaft im Stadtteil Barra Funda gefunden, unweit des Zentrums von São Paulo. Barra Funda ist ein traditioneller Arbeiter*innenstadtteil, der in den letzten Jahren zunehmend auch neue Bewohner*innen anzieht. Neben Autowerkstätten und kleinen Fabriken finden sich dort inzwischen auch interessante Bars, Restaurants und Läden mit Kunsthandwerk, was dem Viertel einen besonderen Charme verleiht. Mein WG-Zimmer kostete etwa 250 Euro im Monat; Küche, Wohnzimmer und Balkon habe ich mir mit meiner Mitbewohnerin geteilt. Das gemeinsame Wohnen gestaltete sich unkompliziert, und ich habe mich schnell im Viertel eingelebt. Besonders schön war der unkomplizierte Kontakt zu den Nachbar*innen sowie zu Verkäufer*innen und Kellnern in der Straße – kleine Gespräche im Alltag wurden schnell zur vertrauten Routine.
São Paulo bietet schier unbegrenzte Möglichkeiten – von Restaurants und Bars über Museen und Galerien bis hin zu Sportangeboten und unzähligen kleinen oder großen Samba- und Live-Musikveranstaltungen. Die Küche in São Paulo spiegelt die vielfältige Migrationsgeschichte der Stadt wider – entsprechend groß ist die kulinarische Auswahl, die die Entscheidung oft schwer machte. Neben traditionellen Prato Feitos (ein Protein wie Rindfleisch oder Hühnchen mit Reis, Bohnen, Salat und Pommes) habe ich vor allem die eher deftigen Geschmäcker in Erinnerung: ein Pastel auf dem lokalen Wochenmarkt, die Parmigiana bei der Lanchonete Jhony’s II, ein Lanche de Pernil im Estadão, Passandu in der Leiteria Ita, Hamburger mit Pastrami-Pommes bei Z Deli oder eine typische Paulistana-Pizza – oft mit mehr Käse als Teig.
Nicht zu vergessen sind die Kilos, Buffet-Restaurants, bei denen man nach dem Gewicht des Tellers bezahlt. Sehr gerne habe ich auch Açaí gegessen – entweder als Eis mit Fruchttoppings und Schokoladensoße im Selbstbedienungsladen wie Best Açaí in Santa Cecília oder als Shake mit Mate beim Imperador do Mate im historischen Zentrum. In Brasilien ist Bierkultur im Alltag häufig sogar präsenter als in Deutschland. Häufig traf ich mich mit Freund*innen in der Casa do Norte Luizão auf eine bem gelada – meist ein Original oder eine Serra Malte, serviert in der 600-ml-Flasche, eiskalt und nah am Gefrierpunkt, in einer Isolierhülle mit kleinen Copos Americanos. Aber auch der Craft-Beer-Trend hat São Paulo längst erreicht, etwa in der Cervejaria Central.
Die besten Samba- und Musikveranstaltungen in São Paulo finden oft spontan und unter freiem Himmel statt – auf öffentlichen Plätzen, an Straßenecken oder vor Bars, meist am Wochenende, aber auch unter der Woche. Die wirklich guten Musiker*innen werden oft direkt von den Lokalen engagiert, und innerhalb kürzester Zeit bildet sich eine Traube von Menschen um die Gruppe. Je später der Abend, desto lauter wird mitgesungen – in Brasilien scheint wirklich jeder jedes Lied zu kennen. Besonders gerne war ich freitagabends am Largo de Santa Cecília, wo in der Futebol Pizza Bar eine tolle Atmosphäre herrschte. Dort traf ich Freund*innen, hörte Live-Musik – und von dort aus ging es oft weiter in die Nacht.
An den Wochenenden habe ich gerne wechselnde Ausstellungen besucht, etwa in der Caixa Cultural, im Centro Cultural do Banco do Brasil oder im Instituto Moreira Salles. Auch die hervorragend kuratierten Museen der Stadt haben mich beeindruckt – darunter das Museu Afro Brasil, die Pinacoteca de São Paulo, das MAC der USP sowie das Memorial da Resistência. Einige dieser Orte haben mir so gut gefallen, dass ich mehrfach hingegangen bin. Eintrittsgelder waren für Studierende ermäßigt – an einem Wochentag sogar komplett kostenlos. Das galt beispielsweise auch für die Klassik-Konzerte in der beeindruckenden Sala São Paulo, die regelmäßig am Sonntagvormittag stattfanden.
Ein weiterer schöner Ort, der mir im Gedächtnis geblieben ist, ist der Minhocão – eine erhöhte Schnellstraße, die sich durch das Stadtzentrum von São Paulo zieht. Unter der Woche ist sie dicht befahren, doch abends und an den Wochenenden wird sie für Autos gesperrt und verwandelt sich dann in einen öffentlichen Raum für Spaziergänger*innen, Radfahrer*innen, Skater und Künstler*innen. Ich war dort oft joggen oder bin einfach nur schlendernd entlanggegangen, habe die Atmosphäre genossen und die großen Graffitis an den Hausfassaden bewundert.
Besonders in Erinnerung bleibt mir die Aufgeschlossenheit der Menschen. Es findet sich immer ein Moment, um auch mit einem Nicht-Muttersprachler ins Gespräch zu kommen – sei es in der Bar, beim Einkaufen oder während des Wartens auf den Bus.
Die Möglichkeit, meine Forschung in São Paulo zu vertiefen, hat mir wertvolle akademische Erkenntnisse geliefert und zugleich neue Freundschaften und Netzwerke eröffnet. Die Erfahrungen in den Besetzungen, die Gespräche mit engagierten Menschen und die lebendige Kultur der Stadt haben meinen Blick erweitert und meine persönliche Entwicklung bereichert.
Mein besonderer Dank gilt der DAAD-Stiftung für die Unterstützung im Rahmen des Gustav-Schübeck-Stipendiums sowie all den Menschen vor Ort, die mich begleitet und inspiriert haben. Diese Erlebnisse motivieren mich, meine Arbeit fortzusetzen, Brücken zwischen Theorie und Praxis zu bauen und den Austausch zwischen Brasilien und Deutschland lebendig zu halten.
Stand: Dezember 2024.

