Janosch Dohrs
Privat
Im Everglades Nationalpark
"Mein Auslandsaufenthalt in Südflorida hat es mir ermöglicht, Daten zu sammeln, welche einen großen Teil meines Dissertationsprojekts über die Parfümbiologie von Prachtbienen ausmachen. Das Prof. Bingel Stipendium der DAAD-Stiftung hat es mir ermöglicht, trotz steigender Lebenserhaltungskosten in Südflorida, meine Forschung vor Ort durchzuführen."
Mit Hilfe der DAAD-Stiftung konnte Janosch Dohrs einen zweiten Forschungs-aufenthalt in den USA realisieren. Seine Forschungen zu Prachtbienen beinhalteten, wie er im Folgenden beschreibt, nicht nur tägliche Verhaltensbeobachtungen und Labortätigkeiten, sondern auch des Öfteren Aufenthalte in den County Parks Floridas - sowie regelmäßiges Unkrautjäten.
Ich bin Doktorand im Studienfach Biologie an der Ruhr-Universität Bochum (RUB) und beschäftige mich in meiner Dissertation mit der Parfümbiologie von Prachtbienen.
Bei Prachtbienen handelt es sich um eine Tribus corbiculater Bienen, welche ausschließlich in den Tropen Mittel- und Südamerikas auftreten. Die männlichen Prachtbienen zeigen ein bemerkenswertes und nach heutigem Wissensstand einzigartiges Verhalten: Sie sammeln unterschiedlichste Duftstoffe und kreieren daraus ein artspezifisches Parfüm, welches in der Funktion Pheromonen gleichzusetzen ist. Diesem Verhalten entstammt ebenfalls die enorme ökologische Rolle der Prachtbienen im tropischen Regenwald, da eine Vielzahl verschiedener Pflanzenarten (insbesondere Orchideen) ein hochspezifisches Bestäubungssystem entwickelt haben, welches sie hochabhängig von Prachtbienen macht.
Der Nutzen für die Pflanzen in diesem System ist weitgehend selbsterklärend, aller-dings wirft der Nutzen der gesammelten Parfüme für die männlichen Prachtbienen noch einige Fragen auf. Das Parfüm weist neben der Funktion zur reinen Partnerfindung das Potenzial auf, weitere Informationen zu kodieren.

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Schlafendes Prachtbienenmännchen in einer Senna-Blüte
Die Frage der zusätzlich kodierten Information ist zentraler Bestandteil meiner Dissertation. Anhand dieses Systems lassen sich wertvolle Erkenntnisse über die Prozesse der Artbildung sowie der Partnerwahl im Tierreich erbringen. Aufgrund der hohen ökologischen Bedeutung der Prachtbienen in den Tropen des amerikanischen Doppelkontinents, kann ein Verständnis der Ökologie hilfreich sein, um Schutzkonzepte für dieses Ökosystem zu erarbeiten.
Um meine Feldforschungen durchzuführen, sind regelmäßige Auslandsaufenthalte (Costa Rica, Mexiko, USA) nötig. Ein großer Teil meiner Feldstudien werden in Südflorida durchgeführt. Dieser Ort wurde aufgrund des Vorkommens einer zufällig eingeführten Prachtbienenart, Euglossa dilemma (das ursprüngliche Verbreitungsgebiet dieser Art erstreckt sich vom südlichen Mexiko bis zum nördlichen Costa Rica), sowie der exzellenten Infrastruktur vor Ort gewählt. Hier werden im Rahmen meiner Dissertation zahlreiche Paarungsexperimente am Versuchsorganismus E. dilemma durchgeführt werden. Mein zweiter Aufenthalt in Florida von Anfang August bis Mitte November 2024 wurde durch das Prof. Bingel Stipendium der DAAD-Stiftung gefördert. Ziel dieses Aufenthaltes waren Experimente zur Funktion des Prachtbienenparfüms im Rahmen der Partnerwahl im Arterkennungskontext.

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Die internationale Gastarbeitsgruppe auf dem Campus des FLREC
Als Gastinstitution habe ich das Ft. Lauderdale Research & Education Center (FLREC) gewählt. Hier besteht schon seit vielen Jahren eine Kooperation mit der Arbeitsgruppe von Dr. Chouvenc. Aus dieser Kooperation sind im Laufe ihres Bestehens eine Reihe Erkenntnisse über unterschiedliche Aspekte der Prachtbienenökologie hervorgegangen (insbesondere in Bezug auf Soziobiologie und Funktion der Parfüme, s. Henske et al., 2023; Saleh et al., 2021, 2022; Saleh & Ramírez, 2019). Das FLREC findet sich in Davie im Broward County und es handelt sich um einen Teil des Institute of Food and Agricultural Sciences der University of Florida.
Auf dem Campus des FLREC wurden von Arbeitsgruppen der RUB und der University of California Davis mehrere Flugkäfige zur Durchführung von Käfigexperimenten an Prachtbienen errichtet. Die bereits bestehende Kooperation mit der Gastinstitution ermöglichte eine reibungslose Koordination der Planung des Aufenthaltes. Im Gegensatz zum Vorjahr konnte ich 2024 jedoch nicht auf dem Campus des FLREC leben und musste demnach etwas entfernt vom Campus in einem Vorort von Ft. Lauderdale zur Miete wohnen. Diese Wohnung teilte ich mir mit einer Doktorandin von der University of California Davis, mit welcher ich gemeinsam am letztjährigen Projekt gearbeitet habe.

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Flugkäfig auf dem Campus
Der Campus konnte von der Wohnung über eine Busverbindung erreicht werden, jedoch ist der ÖPNV in Südflorida in vielen Fällen nicht besonders verlässlich. Demnach haben wir im späteren Verlauf des Aufenthaltes eine Fahrgemeinschaft mit einem Mitarbeiter der Gastarbeitsgruppe gebildet. Dies erleichterte den täglichen Arbeitsweg erheblich.
Mein Arbeitstag vor Ort begann jeden Morgen (Montag bis Sonntag) um 7:30 und startete mit Beobachtungen in den Flugkäfigen. Die morgendlichen Beobachtungen dienten der Dokumentation des Verhaltens insbesondere der männlichen Prachtbienen. Die Hauptaktivitätszeit von Prachtbienen befindet sich i.d.R. von Sonnenaufgang bis zum frühen Mittag, daher wurde jeder Morgen den Beobachtungen gewidmet. Da für die Experimente zahlreiche naive, also frisch geschlüpfte Männchen und Weibchen, benötigt wurden, wurden diese auf dem Campus großgezogen. Täglich nach den Beobachtungen musste dieser Nachwuchs auf frisch aus der Puppe geschlüpfte Individuen untersucht werden.
Nach den Beobachtungen war der Arbeitstag allerdings meist noch nicht vorbei. Während die Vormittage meist gleich abliefen, waren die Nachmittage variabler gestaltet. Die Nachmittage dienten einerseits dazu, die Flugkäfige instand zu halten, d.h. Unkraut zu jäten, die Nektar- und Pollenpflanzen zu pflegen, etwaige Löcher zu flicken oder die Bewässerungsanlage zu reparieren, andererseits stand nachmittags auch häufig Labor- und Büroarbeit an.

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Während der Feldforschung
Für die Laborarbeit stand mir die volle Einrichtung des Gastlabors zur Verfügung und ich habe alle Unterstützung durch Dr. Chouvenc und seine Angestellten erhalten, die ich benötigte. Die Laborarbeit bestand zum Großteil aus Präparationen der Versuchs bienen sowie der Vorbereitung der Proben für die späteren Analysen in Bochum. Neben den Laboreinrichtungen wurde mir zudem ein Büroplatz zur Verfügung gestellt, in welchem ich nachmittags darüber hinaus noch Büroarbeit sowie die regelmäßigen Meetings mit meinem Betreuer ausführen konnte. Neben der Arbeit konnte ich darüber hinaus die regelmäßig stattfindenden Seminare des FLREC besuchen, in welchen Fakultätsmitglieder des FLREC oder assoziierte Wissenschaftler ihre Arbeit vorstellen.
Das letztjährige Projekt erbrachte wertvolle Ergebnisse zum Verständnis des Parfüms als präzygotische Reproduktionsbarriere (d.h. eine Fortpflanzungsbarriere, welche bereits vor der Befruchtung der Eizelle wirkt. Dies verhindert kostspielige Hybrid-paarungen, da Arthybriden häufig infertil oder weniger fertil sind.), auf denen Folgeexperimente im Folgejahr 2025 aufbauen werden. Die vorläufigen Ergebnisse wurden zudem bereits auf der Jahrestagung der Entomological Society of America und im Rahmen eines öffentlichen Vortrages in einem deutschen entomologischen Verein vorgestellt. Die 2024 erhobenen Daten sollen darüber hinaus im Jahr 2025 in einem Fachjournal veröffentlicht werden.
Da dies bereits mein zweiter Forschungsaufenthalt in der Gastinstitution war, hatte ich bereits vor dem diesjährigen Aufenthalt einige gute Freundschaften in Florida aufgebaut. Jedoch konnte ich im Rahmen meines diesjährigen Aufenthaltes insbesondere innerhalb der Gastarbeitsgruppe, aber auch darüber hinaus, weitere Kontakte knüpfen und bereits bestehende verfestigen. Hierbei sind die Kontakte innerhalb der Gastarbeitsgruppe sowohl professioneller als auch persönlicher Natur. Hier sehe ich die Möglichkeit, auch nach meiner erfolgreichen Promotion, noch potenzielle zukünftige Projekte in Kooperation durchführen zu können. Ich freue mich, auch weiterhin mit und in der Gastarbeitsgruppe an gemeinsamen Projekten zu arbeiten.
Aber auch über die professionelle Ebene hinaus, konnte ich eine Vielzahl internationaler Freunde und Ausschnitte aus den unterschiedlichsten Kulturen kennenlernen. Meine Eindrücke waren insbesondere durch kulinarische Spezialitäten der internationalen Studentenschaft geprägt. So konnte ich zu verschiedenen Anlässen z.B. mexikanisches Aguachile (ein kaltes Gericht mit Garnelen oder rohem Fisch mit Gurken, Limettensaft und Chilis), ecuadorianische LLapingachos (frittierte „Kartoffel-puffer“) oder nigerianische Chin chin (Frittierte Teigsnacks) probieren. Mit einigen Studenten habe ich mehrfach an Abendessen aus dem chinesischen Feuertopf oder koreanischem BBQ teilgenommen.
Anfang November gab es im Zentrum von Ft. Lauderdale eine große Veranstaltung zum Tag der Toten (Día de Muertos). Hier gab es zu Live-Musik zahlreiche Stände, welche verschiedene traditionell lateinamerikanische Gerichte und verschiedene hand-gemachte Waren anboten. Am vierten Donnerstag des Novembers wird in den USA traditionell Thanksgiving gefeiert. Hier war ich, gemeinsam mit weiteren Studenten, die entweder für den Feiertag nicht in ihre Heimat zurückgereist sind oder als internationale Studenten in ihrem Heimatland Thanksgiving nicht feiern, zu einem Mitarbeiter der Gastarbeitsgruppe eingeladen.
Aufgrund des großen Anteils an lateinamerikanischen Studenten und Angestellten am FLREC konnte ich zudem meine Spanischkenntnisse maßgeblich zu verbessern. Südflorida weist eine starke lateinamerikanische (insbesondere kubanische) Prägung auf. Die Möglichkeit meine Spanischkenntnisse zu verbessern war insofern für mich persönlich, aber auch professionell, von Relevanz, da ein großer Teil meiner Feldforschungen in ländlichen Gegenden spanischsprachiger Länder (Mexiko und Costa Rica) durchgeführt wird. Hier ist es besonders hilfreich Spanisch zu beherrschen, da die Englischkenntnisse in diesen Regionen häufig nur sehr begrenzt sind.
Da im Rahmen des Projektes praktisch jeden Tag Beobachtungen durchgeführt werden mussten, beschränkten sich Freizeitaktivitäten hauptsächlich auf die Nachmittage oder Abende. Hier seien zunächst die regelmäßigen Brettspielabende auf dem Campus zu nennen. Diese wurden von Dr. Chouvenc organisiert. Neben bekannten Brettspielen wie beispielweise Ticket to Ride, wurden hier auch häufig Eigenkreationen von Dr. Chouvenc vorgestellt und getestet. Weiterhin habe ich einige Konzerte während meines Aufenthaltes besucht. Zwei dieser Konzerte fanden im Seminole Hard Rock Hotel & Casino Hollywood, umgangssprachlich auch „The Guitar Hotel“ genannt, statt. Hierbei handelt es sich um ein Casino und Hotel in Form einer Gitarre, welches als Landmarke prominent von der Hauptstraße „Florida’s Turnpike“ in Hollywood sichtbar ist.
Obwohl Südflorida stark urbanisiert ist, gibt es hier trotzdem einige Möglichkeiten als Naturliebhaber auf seine Kosten zu kommen. Viele Nachmittage habe ich in verschiedenen County Parks verbracht, hier seien insbesondere die Parks Fern Forest Nature Center und Tree Tops Park genannt. Mit diesen Parks besteht zudem eine Kooperation, so dass wir dort Nistboxen für Prachtbienen ausgebracht haben und daher einen Teil der frisch geschlüpften Bienen beziehen. Diese Parks weisen verschiedene „Nature Trails“ auf, welche trotz umgebender Straßen, einen Einblick in Floridas Natur ermöglichen. Ein weiterer Park, mit welchem eine Kooperation besteht, ist Flamingo Gardens. Hierbei handelt es sich um eine Kombination aus botanischem Garten, Zoo, Wildtierauffangstation und Museum. Flamingo Gardens spezialisiert sich insbesondere auf heimische Arten in Florida. Die Besuche dieser Parks habe ich meist mit kleineren projektbezogenen Arbeiten verbunden. Hierfür konnte ich Autos aus dem Carpool der Universität nutzen.
Für Naturliebhaber ist zudem ein Besuch des Everglades Nationalparks unabdingbar. Hierbei handelt es sich um einen etwa 5500 km², durch Feuchtgebiete geprägten Nationalpark. Hierfür habe ich mir für den Besuch mit weiteren Studenten ein Auto gemietet. Ein Besuch des Nationalparks ohne Auto ist nicht möglich, da die einzelnen Wanderwege nur über eine lange Straße erreichbar sind. Als Highlights können hier Karibik-Manatis, Mississippi-Alligatoren, Spitzkrokodile und zahlreiche verschiedene Vögel beobachtet werden.
Alles in allem stellte mein Aufenthalt in Südflorida und am FLREC ein besonders prägendes Erlebnis für mich dar, sowohl persönlich als auch professionell. Für das Ermöglichen dieses Erlebnisses möchte ich der DAAD-Stiftung danken.
Stand: Dezember 2024

